26.09.2004

Exoten-TV (Teil 3)

Wer "Kunst" sagt, denkt dabei in der Regel nicht "Fernsehen". TV-Unterhaltung gilt im Grossen und Ganzen immer noch als anrüchig, wenn nicht sogar verblödend. Akzeptiert werden allenfalls einfallslose Abfilmungen klassischen Theaters oder Musiktheaters, der Sender ARTE sowie Dokumentationen. Dabei hat sich in einer ureigenen Form im Laufe der Jahre ein hochwertiges Erzählformat entwickelt: die TV-Serie.

Die Stärke einer Serie ist gerade ihr Format: in kaum einer anderen Kunstgattung (ausser wenigen anderen episodischen Medien wie etwa den ebenfalls oft verpönten Comics oder auch Serienromanen, die vor allem im SciFi- und Fantasyumfeld beliebt sind) kann ihn ähnlicher Ausführlichkeit jahrelange Charakterentwicklung betrieben werden. Die besten Fernsehserien verfolgen Handlungspfäden, die sich über ganze Staffeln oder noch länger erstrecken. Alles, was passiert, kann seinen Ursprung in vergangenen Folgen haben oder Nachwirkungen Jahre später erzeugen. Diese Kontinuitäten betreffen beileibe nicht einzelne Genres: Sitcoms können diese genauso nutzen wie Drama- und Actionserien. Dabei wird eine geradezu mythische Tiefe der Erzählweise möglich. Durch Aufbau und Weiterentwicklung eines serieneigenen Universums wird nicht nur die äußere Welt, das "echte Leben" zum interpretatorischen Bezugsrahmen, sondern die Serie selbst.

Das Problem damit ist, dass während treue langjähriges Fan geradezu nach Continuity, Insider-Anspielungen und Selbstreferenzen lechzen, Gelegenheitsgucker durch zwar möglicherweise schlaue und durchdachte, aber allzu obskure Entwicklungen abgeschreckt und gelangweilt werden. Obendrein ist niemand so unerbittlich wie ein Fan: jeder Bruch der in der Seriengeschichte selbstauferlegten Bedingungen und jede Unstimmungkeit bezüglich einer Vorgeschichte wird notiert und als weiteren Beweis dafür genommen, daß früher sogar die guten alten Zeiten besser waren und es ab jetzt nur noch den Berg abwärts gehen kann.

Aber gottseidank starten jede Saison neue Serien, die über den Niedergang oder gar das unvermeidliche Ende bisheriger Lieblingsserien hinwegtrösten können, obwohl leider gute gescriptete Serien-Formate in den letzten Jahren durch den stetig wachsenden Reality-Wahn einen schweren Stand haben.

Ich persönlich richte meinen suchenden Blick für neues Fernsehfutter hauptsächlich nach Amerika. Es gibt nur wenige deutsche Serien, die ich mir gerne und regelmässig anschaue, etwa die ebenso gut gemachte wie unterhaltsame Sitcom "Mein Leben und ich" oder SAT1s Anwalts-Comedy "Edel und Starck" mit Christoph M. Ort als einer Art männlicher Ally McBeal. Einige der besten Entwicklungen der letzten Zeit haben es obendrein noch gar nicht in das deutsche Free-TV geschafft, allerdings ist dies in Zeiten des Internet und guter Video-Codecs ja keine wirkliches Hindernis mehr. Darunter fallen auch zwei meiner Lieblingsentdeckungen der letzten Zeit:

Firefly

Buffy- und Angel-Mastermind Joss Whedon startete vor zwei Jahren seine dritte Serie, die erste ausserhalb des Buffy-Universums. Firefly war eine Mischung aus Science Fiction und Western (die konsequente Fortspinngung des Gedankens, dass Star Trek im Prinzip nur Bonanza in den Weltraum verlegte), die in einer Welt nach dem Ende eines Bürgerkrieg zwischen oppressiver Zentralregierung und nach Unabhängikeit strebenden periphären Planeten die Erlebnisse eines Raumschiffes namens Serenity (Firefly-Klasse) unter der Führung eines ehemaligen Rebellencaptains nachverfolgt.

Die Kreuzung von SciFi, Western und orientalischen Elementen (in der Vorgeschichte des Firefly-Universums verschmolzen irgendwann die Kulturen der einzigen verbliebenen Weltmächte USA und China) sorgt für einen einzigeartigen Look, der liebevoll in Bühnenbild, Musik, Kostümen und Dialogen ausgearbeitet wird. Dazu kommt eine übergreifende Geschichte um ein Geschwisterpaar, das auf der Flucht vor der Obrigkeit auf der Serenity landet. Die Charaktere des relativ grossen Ensembles sind gleichermasssen liebenswert wie geheimnisvoll und mit teils dunklen Seiten ausgestattet. Die Geschichten bieten den von Joss Whedon gewohnten Standard aus hervorragenden Dialogen mit viel Wortwitz, unerwarteten Wendungen und offenen Handlungsfäden.

Leider zeigten sich die Verantwortlichen des amerikanischen Senders Fox wenig geduldig mit der Quotenentwicklung, obendrein half es sicher nicht, dass die Serie nicht in der korrekten Episoden-Reihenfolge gesendet wurde, so dass von 14 produzierten Episoden (inklusive Pilotfolge in doppelter Länge) nur 11 gesendet wurden, bevor Firefly trotz grossangelegter Fanrettungs-Aktionen auf Eis gelegt wurde. Allerdings erschien bald darauf ein DVD-Set mit allen, auch den ungesendeten Folgen und vielen Extras, das sich zu einem der bestverkauften DVD-Boxsets bei amazon.com mauserte. Inzwischen befindet sich, möglich gemacht durch die hervorragenden DVD-Verkaufszahlen, ein auf Firefly basierender Kinofilm namens "Serenity" unter Regie von Joss Whedon und unter Mitwirkung der kompletten Serienbesetzung in der Postproduktion und wird im September 2005 in die amerikanischen Kinos kommen. Tja, Fox.

Dead Like Me

Auf dem US-Bezahlsender Showtime läuft diese hübsche kleine Serie. "Dead Like Me" erzählt die Geschichte des Nachlebens von Georgia "George" Lass, einer 18jährigen Slackerin, die eines Tages von der nicht ganz verglühten, herunterstürzenden Toilette der Raumstation MIR erschlagen wird und sich nach ihrem Tod als sogenannter Grim Reaper wiederfindet: als Untote, die die Seelen Versterbender aus den Körpern befreit und an die Schwelle zum Nachleben begleitet. Dead Like Me ist aber mitnichten eine Fantasy-Serie. Vielmehr geht es darum, wie Georges Leben erst nach dem Tot richtig beginnt und wie sie mit ihrer neuen Aufgabe klar kommt und vor allem, um das, was sie zurücklassen musste, insbesondere ihre Familie. Das Ganze wird bei aller nachdenklichen Thematik mit viel - auch schwarzem - Humor erzählt, der in der optischen Gestaltung mit ungewöhnlichen Kamerawinkeln, Einblendungen und den Offscreen-Kommentaren Georgias seine Entsprechung findet.

Als Georges Boss Rube ist übrigens Mandy Patinkin zu sehen, der dem ein oder anderen vielleicht noch als Dr. Geiger ein Begriff ist, aus der Zeit, als "Chicago Hope" noch richtig gut war. Auch von der ersten Staffel von Dead Like Me mit 14 Folgen inklusive Pilotfolge gibt es ein DVD-Set, das aber ausser den Folgen selbst eher spärlich mit Extras ausgestattet ist. Die zweite Staffel läuft zur Zeit.

Ein vielversprechender Start war Anfang des Jahres "Wonderfalls", eine weitere Serie von Dead Like Me-Schöpfer Brian Fuller, die aber (auch von Fox) nach nur vier Folgen abgesetzt wurde. Die Pilot-Folge wirkte jedenfalls brilliant, mit der gleichen Verspieltheit wie "Dead Like Me" und einer Thematik, in der bizarre übernatürliche Vorkommnisse (hier: Souvenirs beginnen mit einer jungen Verkäuferin in einem Andenkenladen an den Niagara-Fällen zu reden und sie dazu zu drängen, sich in das Leben ihrer Kunden und ihrer Familie einzumischen) als Katalysator für Veränderungen im "echten" Leben dienen. Mehr dazu an dieser Stelle aber erst, nachdem das angekündigte DVD-Set im Januar 2005 erschienen ist.

Mit der gerade angelaufenen neuen TV-Saison in Amerika gibt es ein paar weitere interessante Neustarts. Vorab sehr gehypt wurden "Lost", eine Serie um Flugzeugabsturz-Überlebende auf einer tropischen Insel, sowie "Veronica Mars": Highschool-Mädchen hilft in der Detektei des Vaters mit und schlägt sich mit dem Leben des Schülers herum. Die Pilotfolge von Veronica Mars habe ich schon gesehen. Diese zeigt in der Tat viel Potential, das über die eher gewöhnlich klingende Prämisse hinausgehen könnte, "Lost" steht noch auf meiner Agenda. Mehr dazu vielleicht in einer kommenden Folgen von "Exoten TV".

(Warum kann man nur soviel über Fernsehen schreiben? Ich sollte mir mal ein eigenes Leben kaufen.)

Kommentare

Yep, "Twin Peaks" ist nicht exotisch genug :-) "The Prisoner" schreibe ich sicher was zu, wenn ich mal mehr gesehen habe als nur die erste Folge... Aber das DVD-Set scheint im Moment sogar relativ erschwinglich zu sein, vielleicht wird das ja im Laufe des Jahres noch was.

Und was ist mit "The Prisoner", "Nowhere Man" (dieser Serie ging's fast genauso wie "Firefly") und "Twin Peaks" (okay, anfangs nich wirklich Exoten-TV)??? Wird Zeit für Exoten-TV Teil 4! Aber bei "Firefly" kann ich Dir nur Recht geben, lieber Udo. Die Serie hatte ein unglaubliches Potenzial.

Uli

PS: Hurra, endlich mein erster Kommentar. :)

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