Exoten-TV (Teil 14: Carnivàle)
Gepriesen sei das Medium DVD. Denn wer weiß, wann und ob überhaupt sich die faszinierende US-Serie "Carnivàle" jemals in frei empfangbare deutsche Fernsehprogramm verirren wird. Wahrscheinlich nie, denn auch in den USA konnte eine überaus aufwändig produzierte düstere apokalyptisch angehauchte Serie mit übersinnlichen Elementen, die in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts im amerikanischen Süden spielt und als "Steinbeck trifft auf Lynch" beschrieben wurde, wohl beim Bezahlsender HBO entstehen - und wurde selbst dort nach zwei Staffeln à 12 Folgen wegen der hohen Kosten eingestellt.
Aber nicht nur wegen grundsätzlicher Verfügbarbarkeit sei die DVD gepriesen. Denn wenn ich in den letzten zwei Wochen auf jede neue "Carnivàle"-Folge eine Woche oder mehr hätte warten müssen, wäre mir die Zeit sehr lang geworden. Andererseits hat die unmittelbare Befriedigung durch das Einwerfen des nächsten Datenträgers zur Folge, dass ich jetzt ungeduldig darauf warten muss, bis die zweite Staffel endlich eintrifft: Das Suchtverhalten begünstigende Wesen des flotten Serienschauens ist leider nicht zu verleugnen - wie aber viele meiner Bekannten bestätigen werden, die sich bereits mit "Lost" oder "24" herumgeschlagen haben.
Überaus atmosphärisch begleitet "Carnivàle" einen Wanderzirkus und dessen "Freaks" (Kleinwüchsige, siamesische Zwillinge, Reptilienmann, Frau mit Bart, blinder Gedankenleser, katatonische Hellseherin etc.) auf seinem Trek durch die sandigen, staubigen südlichen Wüsten-Regionen der USA. Während der Zirkus einen jungen Mann mit ungewöhnlichen Fähigkeiten (die dieser selbst in sich zu bekämpfen versucht) aufgabelt, entwickelt sich gleichzeitig in Kalifornien ein unauffälliger Pastor zu einer erst charismatischen, dann dämonischen Führungsfigur, und es zeichnet sich ab, dass die Schicksale dieser beiden Figuren mit einander verquickt sind und nicht weniger als die endgültige Konfrontation der Verkörperungen des Guten und des Bösen bedeuten, bevor das Zeitalter der Wunder und des Magischen endgültig vorüber ist und solcherart Geschehnisse in der modernen Gesellschaft keinen Platz mehr haben.
Diese Grundlinien schälen sich im Laufe der ersten Staffel nur recht gemächlich heraus. Die Autoren lassen sich viel Zeit damit, die Südstaaten-Atmosphäre einzufangen und die Hauptfiguren zu entwickeln, die dem Zuschauer im Laufe der zwölf Folgen immer vertrauter, aber dadurch nicht unbedingt weniger geheimnisvoll werden. Auch optisch ist "Carnivàle" ein Genuss. Nicht nur, dass Requisiten, Kulissen und Kostüme die 30er Jahre überzeugend verstaubt und verschmiert wieder auferstehen lassen, auch die Photographie der Serie ist ungewöhnlich realistisch: Im Dunklen sehr, sehr düster, im gleißenden Wüstenhell so grell, dass man im Gegenlicht oft die Gesichter der abgebildeten Personen nicht erkennen kann, das Gegenteil also von perfekter Hollywood-Ausleuchtung, und dennoch bzw. deshalb auf Kinoniveau.
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Kommentare
Oh, danke fuer die Empfehlung, Carnivale hatte ich mal auf CD herumliegen, inzwischen aber wieder gaenzlich vergessen.
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