Eurofusion
In um Ausgeglichenheit bemühten Überblicken über die Jazz(rock)-Historie finden sich immer wieder Hinweise auf frühe Vertreter der Spielart abseits der scheinbar alles dominierenden Miles-Davis-Schule. Siehe etwa den nahezu zeitgenössischen, nämlich 1975 zum ersten Mal erschienen Aufsatz "Rock Jazz" in der von Joachim-Ernst Berendt herausgegebenen Anthologie "Die Story des Jazz": Dort werden z.B. aus der Rockperspektive Namen wie Jimi Hendrix, Santana und Frank Zappa als überaus einflußreich genannt. Nun wird (meiner Erfahrung nach) von diesen höchstens Zappa heutzutage noch in Verbindung mit Jazz(rock) genannt - Hendrix und Santana haben wegen anderer Leistungen ihren Sitz auf dem Musik-Olymp sicher.
Ebenfalls sehr lobend erwähnt werden dort Soft Machine; aber - vielleicht spricht jetzt allerdings meine Prog-Betriebsblindheit - heutzutage sind diese höchstens eine Fußnote in der Geschichte der Jazz aus Sicht der Jazzer wert, während sie im Prog-Pantheon als Canterbury-Götter einen festen Platz innehaben (siehe auch: Adoptivprog).
Andere, zu ihrer Zeit nicht weniger hoffungsvoll betrachtete Gruppen sind heutzutage fast komplett vergessen bzw. tauchen höchstens noch als obskure Einträge von Frühwerken in den Diskographien der beteiligten Musiker auf, die sich später als Solisten oder in anderen Rahmen einen Namen machten. Dies liegt nicht unbedingt an mangelndem musikalischen Erinnerungswert, sondern oft genug daran, dass es - aus welchen Gründen auch immer - schlicht keine CD-Ausgaben der entsprechenden Alben gibt.
Ein solcher Fall sind etwa "Pork Pie" und auch die Vorgänger-Formation "Association P.C.". Bei ersteren wirkten immerhin in Jazzkreisen bekannte Namen wie Jasper van't Hof, Charlie Mariano oder Philip Catherine mit, und deren erstes Album (es gab - Dank an Akkim für die Info - ein weiteres Album von 1976 namens "The door is open", u.a. unter Mitwirkung von John Marshall von "Soft Machine" - so schließt sich der Kreis, und ich glaube, es gab Mitte der Neunziger einen Reunion-Versuch, der auch in einem Album resultierte) "Transitory", das durchaus fetzigen elektrifizierten Jazz bietet, der nur gelegentlich deutlichere Anklänge an Vorbilder wie das Mahavishnu Orchestra hören lässt, ansonsten etwas elastischer und durchaus vielseitig daher kommt.
Ein anderer fast vergessener Fall, und natürlich aus heimischer Sicht von besonderem Interesse, ist "Et Cetera", die Früh-Siebziger-Band des Keyboarders Wolfgang Dauner. Allerdings scheint hier Dauner selbst dem Vernehmen nach sich von seiner musikalischen Vergangenheit distanzieren zu wollen und lehnt eine CD-Wiederauflage der drei Et-Cetera-Alben ab.
Im Fall des selbstbetitelten Debüts ist dies zumindest ansatzweise noch nachvollziehbar: "Et Cetera" wirkt experimentell um des Experiments willens; verschiedene Soundeffekte, musikalische Fetzen, Kinderchor-Klänge, Sprachaufnahmen und jazzrockige Musik wirbeln ein wenig planlos und wirr durcheinander, so, als ob die Musiker ersteinmal wie Kinder im Spielzeugladen im Studio vor den Möglichkeiten der Technik standen und alles ausprobieren mussten.
Das zweite Album, "Knirsch", ist trotz des Titels wesentlich "musikalischer" ausgefallen und bietet neben beateinflusstem, ein wenig knarzendem Jazzrock auch schwärmerisch-impressionistische Passagen, die dem typischen ECM-Sound nahestehen, der zur gleichen Zeit und teilweise mit den gleichen Beteiligten entstand, aber auch Ethno-Klänge und Experimentelles. Ebenfalls für's Vergessen zu schade ist das abschließende, etwas später entstandene "Live"-Doppel-Album, das unter anderem eines der gelungeren Beispiele für die Zusammenart zweier Schlagzeuger beinhaltet.
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