Eine Teenage-Symphonie an Gott
Brian Wilsons Rekonstruktion seines als Beach Boys Album nach "Pet Sounds" geplanten "SMiLE"-Projekts ist inzwischen mit 37jähriger Verspätung in den USA erschienen. Die bange Frage ist natürlich: ist es so gut, wie es der Mythos dieses heiligen Grals der nie erschienenen Popalben, dieser "Teenage symphony to God" nahelegte?
Diese Frage werde ich nicht beantworten :-) Denn: das 2004er SMiLE ist natürlich nicht das SMiLE, das 1967 erschienen wäre, wenn Brian Wilson nicht im Sumpf seines eigenen Unterfangens untergegangen wäre. Das ursprüngliche SMiLE als solches gab es nie. Die Sessions waren nicht beendet, und auch Wilson selbst hatte wohl auch 1967 keinen Plan, kein endgültiges Konzept, wie ein vollendetes SMiLE hätte aussehen wollen; über die Phase des Work-In-Progress kam er nie hinaus.
Das Album wurde komplett neu aufgenommen, die Struktur wurde neu festgelegt, Van Dyke Parks hat teilweise neue Texte zu bisher nur als instrumental bekannten Teilen geschrieben und manche Übergänge wurden neu komponiert, natürlich unter Rückgriff auf Originalthemen. SMiLE 2004 muss also für sich selber stehen und nicht für das, was hätte sein können oder nach Meinung der Nachwelt sein sollen.
Und das kann es. "Our Prayer" ist auch 2004 noch ergreifend schön. "Heroes & Villains", "Surf's Up" und "Good Vibrations" sind (meinen ersten Eindruck des "Heroes & Villains"-Previews revidierend) immer noch fantastische, raffinierte Mini-Pop-Opern, und auch der Rest des Songmaterials klingt grösstenteils frisch und bezaubernd.
Nur mit dem letzten Drittel, der Elemente-Suite (On A Holiday - In Blue Hawaii), werde ich bei den ersten Durchläufen noch nicht recht warm. Hier fehlt mir momentan die Leichtigkeit der anderen Nummern.
Erstaunlich ist übrigens, wie gut es Brian Wilson und seiner Crew gelungen ist, ein Album zu produzieren, das gleichzeitig so modern und gut, und dennoch so nostalgisch und authentisch nach 60er Jahren klingt (in Sound-technischer Hinsicht).
Ein bisschen Nostalgie mag ich mir jetzt doch noch leisten: am ehesten vermisse ich im Vergleich zu den 60er Jahre Aufnahmen Brian Wilsons damals noch unverbrauchte Stimme und den Engelsgesang der anderen Beach Boys. SMiLE-Geburtshelfer Darian Sahanaja und die anderen Musiker und Sänger sowie der gealterte Brian Wilson lesiten hervorragende Arbeit und nie ist der Gesang schlecht oder störend, aber dennoch kann ich mir nicht vergneifen mich zu fragen, wie dieses Album bei gleicher Produktion mit einem jungen Carl Wilson und den anderen Beach Boys als Sängern geklungen hätte.
Natürlich wird in der Fachpresse jetzt auch ein alter Glaubenskrieg aufgewärmt, der eigentlich unsinnig ist (siehe oben). Aus dem Musikmagazin Mojo:
It inevitably draws comparisons with the album it was supposed to eclipse - The Beatles' Sgt. Pepper...
Smile wins hands down.
Auch wenn der Mojo-Rezensent sich so sicher zeigt: Ich bin anderer Meinung. Die Beatles zeigen auf Sgt. Pepper nach wie vor die größere Bandbreite und das Gesamtpaket von Sgt. Pepper finde ich immer noch überzeugender. Fair beurteilen kann man das wohl nur nach weiteren 37 Jahren. Fragt mich dann nochmal.
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