17.08.2004

Eine Flöte macht noch kein Tull, aber weiss das auch die taz?

Vor nicht allzu langer Zeit liess ich mich im [progrock-dt]-Chat (#progrock-dt im Quakenet) dazu hinreissen - ausgelöst durch eine erneute Diskussion mit Fix über die Ähnlichkeit standpunktweise Unähnlichkeit von Kansas zum Mahavishnu Orchestra - , einen Kanon namens "Udos Prog-Regeln" zusammenzustellen. Dank chronischer Gedächtnisschwäche bekomme ich nicht mehr alle zusammen; vielleicht wird daraus in Zukunft eine Parallel-Serie zu den "Stationen einer Sucht". Zwei klassische Gemeinplätze waren jedenfalls darunter.

Udo's Prog-Regeln, soweit er sich gerade daran erinnert:

1. Eine Violine macht noch kein Kansas.
2. Eine Flöte macht noch kein Tull.

Firewater - The Man on the Burning TightropeEs ist zuweilen bizarr, wie weit die Definition von "Prog" verschiedener Zeitgenossen von meiner abweicht. Dies erlebe ich jede Woche mehrmals anhander auf den Babyblauen Seiten eingesandten Leser-Wünsche. Aber das ist gut so, nicht nur wegen des obligatorischen, an dieser Stelle einzusetzenden "Jedem seine Meinung blahblub"-Geschwafels, sondern aus ganz eigennützigen Gründen: ich habe schon die ein oder andere interessante musikalische Entdeckung durch solche Anfragen gemacht, auch wenn ich die entsprechenden Alben nie und nimmer unter Prog einsortieren würde. Dazu gehören z.B. die grandiosen Firewater mit ihrem Album "The Man On The Burning Tightrope" mit Zirkusmusik, Jazz, Tom Waits-Epigonentum und Klezmer-Einflüssen.

In diesem Geiste versuche ich auch den taz-Artikel 33 Akkorde und eine Lüge zu nutzen, der in [progrock-dt] vor Kurzem für ein wenig Wirbel sorgte. Unter den aufgelisteten "notorischen Sündern" befinden sich einige Namen, die ich schon kenne und einige weitere, die seit längerer Zeit auf meiner Shortlist "Bands/Künstler, die man mal für vorsichtshalber wenig Geld bei eBay abstauben könnte" stehen. Ein bisschen Sorge macht mir nur die Erwähnung der seit ihrem deströsen Konzert bei mir - um es vorsichtig auszudrücken - massiv in Ungnade gefallenen "Archive"...

Inzwischen habe ich mir ein Album von Badly Drawn Boy besorgt ("One Plus One Is One", das wohl zur Zeit neueste), der in der einschlägigen Presse seit einiger Zeit als das beste seit geschnittenem Brot gehypt wird.

Das Blahfasel-Kleingedruckte: Natürlich bedeutet ein (in Worten: 1) einziges Album zu kennen, kein abschliessendes Urteil über das Gesamtwerk abgeben zu können.

Damit kommen wir zurück zu Prog-Regel zwei: wie zur Hölle jemand darauf kommen kann, dass dies notorische Prog-Sünderei sei, ist mir das sprichwörtliche Rätsel. Das ist ziemlich guter, stellenweise opulent orchestrierter Schlabber-Poprock, der vor allem in der ersten Hälfte ziemlich Beatles-artig daher kommt und mir richtig Spass macht. Zwischendrin gibt es mal ein paar Stücke mit Querflöte (wobei ich stark hoffe, dass die elendig quälende Verstimmung in "Summertime in Winter" Absicht ist... Brrr.).

Aber es gilt: "2. Eine Flöte macht noch kein Tull."

Das ist alles weit, weit weg von meinem "gefühlten Prog" und hat keine der Merkmale, die ich mit Prog in allen seinen Spielarten assoziiere (z.B. ist das Cover viel zu cool... Gleiches gilt für Firewater). Ich habe ein paar Ideen dazu, welcher Teufel den taz-Schreiberling geritten haben könnte, aber diese Dekonstruktion muss bis zur nächsten Folge von "Udos Prog-Regeln" warten.

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