Da Zeuhl Wortz Mekanïk
Ich scheine mich zu einer Art "Magma-Go-To-Guy" für's eclipsed entwickelt zu haben. Jedenfalls habe ich vor einiger Zeit nach dem längeren Vorstellungsartikel auch einen "Einkaufszettel" zur Band verfassen dürfen, der jetzt auch veröffentlicht wurde. Hier die unredigierte Original-Fassung:
Magma - Da Zeuhl Wortz Mekanïk
Wenige Bands erfinden eine eigene Sprache. Wenigere begründen ein eigenes Genre. Magma aus Frankreich taten beides: Kobaïanisch heißt die Sprache, Zeuhl das Genre. Spirituell tief beeindruckt von der kurz zuvor verstorbenen Jazzlegende John Coltrane, musikalisch stark beeinflusst von Stravinsky und Orff gründete der Schlagzeuger Christian Vander 1969 Magma in Paris mit dem expliziten Ziel, sich von der zeitgenössischen französischen Rock- und Pop-Musik abzusetzen, die damals angelsächsischen Vorbildern hinterher hechelte. Konsequent verfolgte Vander sein Ziel einer spirituellen, ekstatischen Musik und verschliss dabei im Laufe der Jahre dutzende Mitmusiker. Diese harte Magma-Schule erwies sich aber als fruchtbar für die französische Musikszene: Viele von Vanders ehemaligen Mitstreitern gründeten eigene Gruppen, in denen sich Elemente des typischen Magma-Sounds wiederfanden. Auch dutzende junge Bands, zuerst vor allem in Frankreich, später in der ganzen Welt, inbesondere in Japan, ließen sich von Magma inspirieren, trotz, oder eher wegen der bizarren uptopischen Mythologie der Band und ihres düster-martialischen Auftretens - und natürlich wegen der mitreißenden Musik, die von Kommentatoren sowohl als möglicher "Soundtrack zur Bombardierung Dresdens", aber auch als "verdammte religiöse Erfahrung" beschrieben wurde. Kobaïa Ïss De Hündin - viva Kobaïa.
Kaufrausch
Mekanïk Destruktïw Kommandöh (1973)
Nach den kantigen Akkorden und deklamierten, geflehten, befehlenden Vocals des Anfangs entwickelt sich "Mekanïk Destruktïw Kommandöh" zu einer mitreißenden, majestätischen Tour-De-Force, einem musikalischen Malstrom, einer wüsten, erschöpfenden Orgie aus hypnotischen stampfenden Rhythmen, machtvollen Bläserblöcken, unablässigem opernmäßigen Chor in einer barbarischen Phantasiesprache, treibenden Rhythmen, peitschenden Trompetenschlägen, Falsettgekreische, pulsierend kraftvollem Baßgeriffe, ekstatischem Schlagzeug mit wenigen Verschnaufpausen: einmalig und vor allem großartig.
Toptrack: Da Zeuhl Wortz Mekanïk
Live (Hhaï) (1975)
Magma sind vor allem eine hervorragende Live-Band, und auch deshalb ist die Doppel-LP "Live (Hhaï)" das vielleicht beste Einstiegsalbum in den Kobaïa-Kosmos: Eine der Studiofassung überlegene Version des erst düster-drängenden, dann jazzrockigen Epos "Köhntarkösz" auf der ersten CD, einige kürzere Stücke und Auszüge aus "Mekanïk Destruktïw Kommandöh" auf der zweiten geben einen hervorragenden Eindruck von Magma zu ihrer Hochzeit und klassischer Besetzung mit Sänger Klaus Blasquiz, Bassist Bernard Paganotti, Keyboarder Benoit Widemann und Violinist Didier Lockwood.
Toptrack: Kohntark (Part 2)
Theusz Hamtaahk Trilogie (2001)
Zum 30jährigen Jubiläum gab Magma im Trianon in Paris zwei Konzerte, auf deren Programm Magmas Hauptwerk stand: Die "Theusz Hamtaahk"-Trilogie. Jeweils ein Epos füllt eine CD in der daraus entstandenen Box. Dazu kommt ein komplettes Libretto - unverzichtbar für Kobaïanisch-Karaoke. "Theusz Hamtaahk" zeigt mit seinen repetitiven Figuren Magma von ihrer hypnotischsten Seite. "Wurdah Ïtah" verbindet Intensität und ekstatischen Gestus mit burlesken Melodien und osteuropäischer Folklore. "Mekanïk Destruktïw Kommandöh" ist hymnisch, bombastisch und mitreissend treibend.
Toptrack: Mekanïk Destruktïw Kommandöh
Pflichtkauf
Wurdah Ïtah (1974)
Dass Magmas Musik auch ohne großes Brimborium funktioniert, beweist diese in kleiner Vier-Mann-Besetzung (genauer: Drei Mann und eine Frau, nämlich Vanders damalige Gattin Stella) entstandene Aufnahme, die auch als Soundtrack Yvan Lagranges Film "Tristan et Iseult" (leider nicht "Izeuhlt"...) fungierte. Mit seinem intimen Klang und fröhlichen Melodien ist "Wurdah Ïtah" das vielleicht heiterste Magma-Album, was an dem deutlichen Einfluss osteuropäischer Folklore liegen mag: Einer von Christian Vanders Großvätern war schließlich ein "Zigeuner-Geiger".
Toptrack: Manëh Fur Da Zëss
Köhntarkösz (1974)
"Köhntarkösz" lässt sich viel Zeit, bis es richtig aus den Puschen kommt. Geduld beim Hörer während der ruhigen, mysteriös anmutenden ersten LP-Hälfte wird aber durch einen intensiven Spannungsaufbau belohnt, der sich auf der zweiten Seite in mitreißenden, drängenden Soli entlädt. Christian Vander selbst hat "Köhntarkösz" als seine vielleicht beste Komposition beschrieben, bei der der unnachgiebige Puls der Musik nicht von der Rhythmus-Gruppe vorgeben wird, sondern sich erst im Zusammenspiel aller Instrumente und des flehentlichen Gesangs ergibt.
Toptrack: Köhntarkösz (Part 2)
Üdü Wüdü (1976)
"Üdü Wüdü" treibt in seinem Titel nicht nur das magma'sche Faible für Pünktchen auf die Spitze, sondern bietet auch die Rückkehr von Bassist Jannick Top nach mehrjähriger Abwesenheit. Dominiert wird das Album von dessen Komposition "De Futura", einer 18minütigen repetitiven Baßriff-Orgie mit Klaus Blasquiz' bellenden Vocals, die voller hypnotischer Kraft steckt und auch als Blaupause für viele nachfolgende Zeuhl-Gruppen diente. Obendrein enthält "Üdü Wüdü" mit "Zombies" einen zentralen Teil des in kompletter Form bisher noch nicht veröffentlichten Magma-Epos "Emëhntëht-Rê".
Toptrack: De Futura
K.A (2004)
Das Studio-Comeback-Album der aktuellen Magma-Besetzung beweist, dass Nostalgie auch ihre guten Seiten hat. "K.A" ist eine Komposition, die in ihren Grundzügen bereits während der frühen Siebziger Jahre entstand, aber erst 2004 von Christian Vander vollendet und aufgenommen wurde. Besser spät als nie. Denn so kann man nicht nur den klassischen Magma-Stil im zeitgenössischen Klanggewand genießen, sondern sich auch an der gelungenen Mischung aus virtuoser mehrstimmiger Gesangskunst und - vor allem im atemberaubenden Finale - an intensiv-mitreißenden Instrumentalpassagen erfreuen.
Toptrack: K.A III
Außerdem:
Im Jahr 2005 hatten Magma eine vierwöchige Residenz im Club "Le Triton" in "Les Lilas". Jede Woche gab es ein anderes Programm; so spielte sich die Gruppe chronologisch durch die Bandgeschichte. Unterstützt wurde die aktuelle Besetzung durch ehemalige Bandmitglieder wie Klaus Blasquiz, Jannick Top und Benoit Widemann. Die Konzerte wurden mit mehreren Kameras aufgenommen; daraus entstand die - den unterschiedlichen Set-Lists entsprechend - auf vier Teile angelegte DVD-Reihe "Mythes et légendes". Die DVDs "Epok 1" bis "Epok 3" sind 2006 und 2007 bereits erschienen und beweisen, dass Magmas beste Musik auch nach 35 Jahren nichts von ihrer Faszination eingebüßt hat.
Qualitätskauf
Magma (1970)
Mit dieser Doppel-LP platzten Magma eindrucksvoll mitten in die damals biedere französische Rock-Szene. Im Vergleich zu dem von Vander erst anschließend entwickelten typischen Magma-Sound geht es hier deutlich bläserlastiger und jazziger zu. Dies erinnert musikalisch stärker an die Soft Machine der frühen Siebziger als an die späteren Magma selbst. Aber die Mythologie rund um den Planeten Kobaïa war bereits ausgeformt, und die Präsentation nach Art eines Gesamtkunstwerks aus Musik, Sprache, Mythologie, Bühnen-Outfit und -Gehabe richtungsweisend.
Toptrack: Kobaïa
Attahk (1977)
1977 wollte Christian Vander aus dem künstlerischen Elfenbeinturm fliehen, den er um sich und Magma durch esoterisches Gehabe und die eher unzugängliche Musik selbst aufgebaut hatte. "Attahk" versuchte andere, populärere Musikstile in die Magma-Welt aufzunehmen: Jazzfunk statt Coltrane, Gospel statt Carl Orff. Zwar wurde die Musik dadurch für "Außenstehende" tatsächlich zugänglicher, verlor aber auch einen Teil der Magie. Trotzdem gibt es hier - im Gegensatz zum späteren "Merci", das einen ähnlichen Ansatz verfolgt - einige überzeugende, teilweise sogar brillante Momente.
Toptrack: Liriïk necronomicus kanht
Retrospektïw 1-2 (1981)
Nachdem Magma mit "Attahk" ihren künstlerischen Zenith deutlich überschritten hatten, griffen sie 1980 bei einer Reihe von Jubiläums-Konzerten auf Meilensteine ihrer Karriere zurück. Die Doppel-LP "Retrospektïw 1-2" enthält dabei mitgeschnittene und durchaus gelungene Versionen der Monumental-Epen "Theusz Hamtaahk" und "Mekanik Destruktiw Kommandoh", die erfolgreich den Zauber der Hochphase der Gruppe in ein Spät-Siebziger-, Früh-Achtziger-Gewand kleiden, ohne aber substanziell Neues zu bieten. Aber egal, denn zuviel "Mekanïk Destruktïw Kommandöh" geht gar nicht.
Toptrack: Mekanïk Destruktïw Kommandöh
Verlegenheitskauf
1001° Centigrades (1971)
"1001° Centigrades" zeigt eine Band am Wendepunkt. Nach dem noch eher kollektiv geschaffenen Debüt-Album übernahm Christian Vander immer stärker die Führungsrolle. Dieser Übergang zeigt sich auch musikalisch: Die beiden von Francois Cahen und Teddy Lasry komponierten Nummern klingen noch nach der Vorgänger-LP, Christian Vanders langes "Riah Sahiltaahk" geht schon in die monolithische Richtung der folgenden Alben, nur eben weniger ausgereift und für die damalige Magma-Besetzung wohl ungeeignet, die auch prompt nach "1001° Centigrades" zerfiel.
Toptrack: Riah Sahiltaahk
Retrospektïw 3 (1981)
Der dritte (eigentlich zweite) Teil von Magmas 1980er "Retrospektïwe" beginnt mit einer "Retrovision" - leider keiner allzu schönen. Dieses 18minütige Stück verbindet Disco-Rhythmen und "Oh, Baby"-Einwürfe mit dem klassischen Magma-Sound: Eine Paarung, die sich nicht unbedingt natürlich ergibt - nicht ohne Grund. Erst in der düster treibenden zweiten Hälfte der Nummer läuft die Band zur gewohnten Form auf. Knapp vor dem Fehlkauf gerettet wird die Live-LP von einer mitreißenden Langversion des Band-Klassikers "Hhaï". Trotzdem: Vor allem für Fans.
Toptrack: Hhaï
Concert Bobino 1981 (1984)
Ähnlich schizophren wie auf "Retrospektïw 3" geht es auf "Concert Bobino 1981" zu: Auch hier zeigen sich halbgare Pop-, Soul- und Disco-Anwandlungen, wie sie auf "Merci" zur endgültig katastophalen Reife gelangten. Selbst das 30minütige "Zëss" lässt schmerzlich den kompositorischen Elan früherer Magma-Epen vermissen und ergeht sich in nicht endenwollenden Wiederholungen ohne Spannungsaufbau. Da die Doppel-CD "Concert Bobino 1981" aber die bis dato einzige offizielle Veröffentlichung von "Zëss" enthält, ist sie wohl für Fans trotzdem unverzichtbar - aber auch nur für solche.
Toptrack: Zëss
Fehlkauf
Merci (1984)
"Merci"? Keine Ursache. Wirklich keine. Ob es der Kommerzteufel war, der Christian Vander ritt, als er mit Hilfe von Plastik-Schlagzeug, Funk-Rhythmen, Soul-Gesängen und 80er-Jahre-Synthesizer-Klängen dieses Album aufnahm? Von wenigen, innerhalb der Stücke fast versteckten guten Momenten abgesehen kann lediglich das stimmungsvolle und lange "Eliphas Levi" halbwegs überzeugen, weist dabei aber eher in Richtung von Vanders Nachfolge-Projekt "Offering". Also: Lieber "Earth, Wind & Fire" oder besser noch "Parliament" kaufen - und "nein, danke" zu "Merci".
Toptrack: Eliphas Levi
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Kommentare
Danke für die Liste und den Einblick bezüglich des Einkaufszettels im Eclipsed. Hätte nicht gedacht, dass die Listen unter Umständen von einer einzigen anonym bleibenden Person stammen. Man stellt sich ja immer so eine Redaktionssitzung vor, in der über über die Alben hitzig und kontrovers diskutiert wird. Wohl eine naive Vorstellung. Da sind die BBS ja mal wieder wirklich fortschrittlich und demokratisch. Eigenlob stinkt?
"Anonym" ist's nicht: Unter dem Einkaufszettel im Eclipsed steht mein Name, wenn ich mich recht erinnere.
Recht gut. Kein Kommentar nötig!
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