15.05.2004

Cryptonomicon und Snow Crash

Wenn man in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, sitzen Alleinreisende in Regel einsam, teilnahms- und regungslos da und schauen mit dem typischen "U-Bahn-Blick" ins Leere. Mir ist es zu langweilig, vollkommen nichtstuend rumzusitzen, deshalb habe ich immer ein Buch und Musik dabei, in die ich mich vertiefen kann. Das führt eigentlich dazu, dass ich gegenüber dem Umwelt noch teilnahmsloser und abgeschotteter wirken müsste (was mir eigentlich ganz recht ist...), aber gelegentlich sorgt es für unerwartete Kommunikation.

Auf meinem Heimweg von der Arbeit gestern röhrten Ruinzhatova gerade durch ihre aberwitzige Cover-Version von "Close To The Edge", als mein rechts neben mir sitzender Mitreisender verzweifelt durch Handzeichen meine Aufmerksamkeit zu erregen versuchte. Nach dem ich meine Ohren entstöpselt hatte, deutete er auf mein Buch (die englische Version von Neal Stephensons "Cryptomonicon", die es gerade bei amazon.de für lächerliche 3,70 Euro gibt!) und fragte unvermittelt, ob "Cryptomonicon" genauso gut anfange wie "Snow Crash"... Gottseidank habe ich vor nicht allzulanger Zeit "Snow Crash" gelesen. Dennoch konnte ich ihm nicht so recht weiterhelfen, da ich gerade erst mit "Cryptomonicon" begonnen hatte (Seite 8 zu dem Zeitpunkt). Bis dahin war "Cryptomonicon" jedenfalls nicht so fesselnd wie "Snow Crash".

"Snow Crash" ist eine Art Cyberpunk-Thriller, der in einer ironisch überzeichneten Nah-Zukunft spielt, bei der die Welt in Kleinstaaten zerfallen ist, die nach dem Vorbild von Unternehmen von verschiedenen Gruppen (etwa der Mafia) geführt werden. Der Einstieg von "Snow Crash" wirft den Leser ohne Vorwarnung ins kalte Wasser dieser fremden Zukunft, bei der ein Ex-Hacker-Pizza-Bote sich zum Straßensamurai stilisiert und schweren Ärger mit seinen Auftraggebern (der Mafia, die das Pizza-Geschäft monopolisiert hat) in Aussicht hat, wenn er eine Pizza nicht innerhalb der garantierten Zeit ausliefert. Die vielen ironischen Extrapolationen des gesamten Settings und die temporeiche Erzählweise machen zumindest die erste Hälfte von Snow Crash zu einem der Kultbücher des inzwischen wieder abgeflauten Cyberpunk-Genres. Die zweite Hälfte ist etwas konventioneller. Dort steht nicht mehr die Konstruktion einer fiktiven satirischen Zukunft im Vordergrund, sondern der Plot, der natürlich vielerlei Verwicklungen auf dem Weg zur Verhinderung der Weltbeherrschung via Computertechnologie durch einen skrupellosen Oberbösewicht mit entsprechendem Sidekick sowie einen Schuß Mystik beinhaltet.

"Cryptonomicon" beginnt zwar auch mitten im Geschehen, einer wilden Fahrt durch Shanghai im zweiten Weltkrieg, aber durch das Setting in einer bekannten Vergangenheit wirkt es nicht ganz so fesselnd wie der futuristische Einstieg in "Snow Crash". Mehr zu "Cryptonomicon" folgt, wenn ich ein paar Seiten weiter bin :-)

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