18.01.2007

Chris Potter's Underground, Unterfahrt, München, 17.1.2007

Man merkt, dass ich die aktuelle Jazz-Szene nicht verfolge. Von Saxophonist Chris Potter hatte ich vor seinem Auftritt im münchner Jazzclub Unterfahrt jedenfalls noch nichts, gar nie gehört. Andere schon, offensichtlich. Denn so gut besucht hatte ich es in der Unterfahrt noch nie erlebt. Randvoll - keine Floskel, sondern zutreffende Beschreibung: Sämtliche Sitzplätze waren belegt, und die immer noch zahlreichen restlichen Zuhörer standen bis an den Ausgang oder saßen auf Treppen strich dem Boden. Unangenehm, das. So unangenehm, dass ich mich während der Pause geschlichen habe (alle folgenden Anmerkungen zur Musik beziehen sich also nur auf das erste Set).

Nicht, dass ich wegen des Dargebotenen gegangen wäre. Ne, gut war's schon. Chris Potter ist zweifellos ein herausragender Saxophonist (der auch an der Bassklarinette eine gute Figur macht): Selbst bei anderen Könnern gequetscht klingende rasend schnelle, sprunghafte und sauhohe Passagen wirkten in seinen virtuosen, aber immer strukturierten Soli vollkommen kontrolliert und sorgfältig artikuliert. Der von dem Quartett (neben Potter noch Gitarre, E-Piano und Schlagzeug) gespielte Modern Jazz hatte trotz immer wieder ungerader Taktarten in verqueren Riffs manchmal fast funkige Tendenzen, aber ohne in Klischees zu verfallen. Auch Schlagzeuger Nate Smith wusste mit kraftvollem, originellen Spiel zu gefallen, das vergleichsweise oft die Ränder der Trommeln mit einbezog (nicht nur mit Rimshots oder Side stick gelegentlich, sondern auch als schnelle, verspielte Rhythmusgrundlage), mit Gegenrhythmen arbeitete und mit hektisch-verwirbelten Becken- und Hihat-Figuren.

Minuspunkte gab es aber auch: Gitarrist Adam Rodgers war ziemlich unterbeschäftigt. Von einem Solo abgesehen hätten die Musik nicht viel verloren, wenn er nicht dabei gewesen wäre. Im Gegensatz zum völlig überflüssigen (soweit zu fehlen überflüssig sein kann) Fehlen eines Bassisten: Wenn die Kompositionen und Arrangements entsprechend konzeptioniert sind, kann man ohne Bass/Bassist originelle, aber nicht amputiert wirkende Musik gestalten. Gestern aber war die linke Hand von Keyboarder Craig Taborn große Teile des Abends an Basslinien gefesselt, die genauso gut und besser auch von einem E-Bass hätten übernommen werden können. Besonders schmerzhaft wirkte sich das Fehlen des Basses in einer gerade magmaesken Passage mit einem stets wiederholten Bass-Riff und beinahe marschartiger Rhythmik aus: Diese wäre deutlich wirkungsvoller gewesen, wenn sie von einem grollenden, fordernden Bass vorangetrieben worden wäre, und nicht von Keyboarder und Gitarrist, die sich abwechselnd als Pseudo-Bass betätigen mussten. Schade eigentlich.

Aber nochmal: Insgesamt gut, in einzelnen Momenten sogar brillant, hätte aber auch besser sein können.

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