04.12.2006

Casino Royale

Seien wir ehrlich: In Zeiten, in denen wild gewordene, komplett von der Leine gelassene Auto-Tuner in MTV-"Reality"-Shows wie "Pimp My Ride" oder "Trick It Out" 10 Meter hohe aufblasbare Leinwände plus Projektor im Kofferraum irgendwelcher ehemaligen Schrottkarren installieren, sind der gute alte Q und seine Erfindungen überholt. Been there, done that. Obendrein war schon mit dem ersten Brosnan-Film "Goldeneye" die Apotheose des traditionellen Bonds erreicht: Ein 007, der im freien Fall einem gerade über eine hunderte Meter hohe Klippe gerauschten Flugzeug nachfliegt, ist schlicht nicht zu toppen. Nada chance.

Entsprechend verzweifelt und überholt wirkten die letzten paar Filme der Reihe. Ein Neustart war also unumgänglich, wenn 007 noch eine Zukunft im Kino haben sollte. Dass die Verantwortung für diese Wiedererfindung ausgerechnet bei Martin Campbell, dem Regisseur von "Goldeneye", lag, wirkt daher seltsam passend.

Die schwarzweiße Eröffnungssequenz von "Casino Royale", in der sich Bond die Doppel-Null-Nummer verdient, wirkt noch ein wenig gekünstelt und gezwungen. Aber in der darauf folgenden rasanten "Le Parkour"-Verfolgungsjagd auf den Bahamas wird deutlich, was diesen Bond auszeichnet und was ihn auch auszeichnen sollte: Nicht oberflächlich beeindruckende Hightech-Gimmicks, sondern dass er ein hartnäckiger, skrupelloser und vor allem intelligenter Bastard ist - hart im Nehmen wie im Austeilen. Während der von ihm gejagte Bombenbastler (dargestellt von Parkour-Miterfinder Sebastien Foucan) zweifellos beeindruckend athletisch und akrobatisch durch die Szenerie hetzt, geht Bond nicht die eleganten, aber die effizienten Wege: Warum über Mauern springen, wenn man sie mit dem Bagger durchbrechen und plattmachen kann? Warum ein Gerüst halsbrecherisch herunterturnen, wenn es einen Aufzug gibt?

Diese schnörkellose Direktheit zeichnet Daniel Craigs Bond in seinem gesamten Gehabe aus. Dem fallen natürlich jahrzehntelang liebgewonnene Eigenheiten der Figur zum Opfer: Dem muskelbepackten Craig nimmt man den Maßanzugträger nur bedingt ab, und auch die lockeren Sprüche für alle Gelegenheiten gehören im Wesentlichen der Vergangenheit an.

Oder vielleicht kommen sie auch nur demnächst wieder (wobei ich nicht sicher bin, dass ich dies gut fände): Viele von Bonds Wiedererkennbarkeitswerten (der Aston Martin, der schwarze Anzug mit Fliege, Wodka-Martini, "The name's Bond, James Bond" etc.) werden - wie es sich für eine Urspungsgeschichte rund um Bonds ersten Doppelnull-Einsatz gehört - erst im Laufe des Films komplett neu eingeführt. Gute Sache, denn so wird nicht nur die Entstehung und Motivation der Figur und ihrer Idiosynkrasien erklärt, sondern für die Fans auch die Brücke zur Tradition geschlagen. Teilweise sogar mit einem deutlichen Augenzwinkern: Diesmal taucht nicht Ursula Andress oder Halle Berry triefend nass im knappen Badezeug aus dem Meerwasser am Traumstrand auf - sondern der durchtrainierte Craig. Willkommen im 21. Jahrhundert. A propos: Das in "Casino Royal" Texas-Hold'em-gepokert und nicht das exotischere und so an sich interessantere Baccarat gespielt wird, dürfte auch den modernen Zeiten geschuldet sein.

Anderes ändert sich wohl nie, das unvermeidliche Product Placement z.B.: Bonds Fahrt mit einem Ford-Leihwagen ist so, wie sie photographiert wurde, nichts anderes als die Fortsetzung eines Werbespots, der so auch im Sportschau-Werbeblock laufen könnte, vielleicht sogar läuft. Und Bonds Gegenspieler Le Chiffre ist zwar ausnahmsweise nicht ein dämonischer Superschurke, der die ganze Erde bedroht, sondern nur der Hausbanker des internationalen Terrorismus, aber seine anatomische Eigenheit, gelegentlich blutige Tränen zu weinen, spielt für die Geschichte überhaupt keine Rolle und bleibt ebenso ein Gimmick wie etwa die totale Schmerzunempfindlichkeit des Renard in "Die Welt ist nicht genug". Wobei man hingegen zu altehrwürdigen Traditionen zurückkehren sollte, ist beim Titelsong. Von Chris Cornells "You Know My Name" bleibt im Gegensatz zu reichlich anderen Titelnummern der Vergangenheit nichts, rein gar nichts hängen - nicht einmal das blanke Entsetzen, das Madonnas "Die Another Day" wenigstens auslöste.

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