20.07.2004

Burg Herzberg Festival, 16. und 17.7.2004

Photo: Frederick Loridant

Am Wochenende hatte ich die Ehre, beim Burg Herzberg Festival in der Nähe von Breitenbach am Herzberg in Hessen für Trigon die Tasten peitschen zu dürfen. Das war, trotz gelegentlicher Wetter-Unbillen, ein richtig schönes Wochenende mit vielen Highlights.

Zwar stand ich freitags auf dem Hinweg ein Dreiviertelstündchen im Stau, war aber satt früh genug da, um vor unserem Auftritt, der um 19:00 starten sollte, erstmal die anderen Trigonasen zu treffen, die Lage und das Gelände zu sondieren und obendrein den Rest des Sets des extremen Hendrix-Klons Randy Hansen und seines Power-Trios zu verfolgen. Dann mussten wir schon auf die Bühne und pünktlich wie die Feuerwehr konnten wir loslegen.

Pünktlich ist sowieso ein gutes Stichwort: noch nie habe ich bei einer Veranstaltung dieser Größe eine dermassen astreine Einhaltung des Zeitplans erlebt. Keine Band (von Ursachen höherer Gewalt abgesehen, davon unten mehr) begann ihren Auftritt mit mehr als 10 Minuten Verspätung, und das, obwohl jeweils nur eine halbe Stunde Umbaupausen geplant waren. Dies dürfte zu grossen Teilen an der sehr professionellen Soundcrew gelegen haben. Der Soundmann auf der Bühne hatte gleichzeitig die Ruhe weg, war schnell und präzise und hatte den vollen Plan, was seine Anlange, die Verkabelung der Band und den Monitor-Sound anging. Respekt! So macht das Spielen Spass. Überhaupt wirkte die komplette Organisation (im Gegensatz zu den Horrorgeschichten, die ich über frühere Ausgaben des Herzberg-Festivals gehört hatte) sehr konzentriert, professionell und reibungslos, dabei aber nie verkrampft und überzogen; dazu gehört die Abwicklung des Besucherverkehrs wie die Verpflegung und Security.

Photo: Frederick Loridant

Der Trigon-Gig lief dann sehr gut. Ich kann schlecht abschätzen, wieviele Besucher insgesamt da waren, da das Festival-Gelände ziemlich riesig ist und sich rund um die zahlreichen Händler-Stände und die Zelt-Stadt alles ziemlich verläuft. Direkt vor der Bühne dürften aber schon einige hundert Zuhörer gewesen sein, und dem Applaus nach zu urteilen, hat es auch den meisten gefallen :-), und 'ne Zugabe durften wir auch geben. Von der Bühne aus die selbst gespielte Musik zu beurteilen, fällt mir immer schwer, die Wahrnehmung von Musiker und Musik-Hörer ist oft sehr unterschiedlich, deshalb warte ich damit, bis ich die gottseidank gemachte und nach dem ersten Eindruck hervorragend klingende Soundboard-Aufnahme komplett und in Ruhe gegenchecken konnte. Größere Schnitzer sind mir jedenfalls keine aufgefallen, und die Band war sehr konzentriert.

Nick Lieto
Photo: Frederick Loridant

Ein Highlight gibt es aber auf jeden Fall schon jetzt zu vermelden: Nick Lieto, Keyboarder, Trompeter und Sänger bei der amerikanischen Band Frogg Café, packte bei zwei Stücken sein Flügelhorn aus und blies mit seinem virtuosen jazzigen Spiel alle weg. Das war richtig gut! Überhaupt: nicht nur das die Jungs von Frogg Café allesamt klasse Musiker sind, was sie am nächsten Tag bei ihrem eigenen Auftritt zur Genüge bewiesen, sie sind auch noch wirklich nette Menschen, mit denen im Backstage-Bereich und am gemeinsamen Trigon/Frogg Café-Stand herumzuhängen jede Menge Spass machte und einige interessante Gespräche einbrachte. Wer die Chance hat, eines der Frogg Café-Konzerte im Rahmen ihrer momentanen Europa-Tour zu besuchen, sollte diese auf jeden Fall nutzen.

Nachdem Auftritt war auch der Trigon'sche Merchandising Stand mit den netten orange-glühenden T-Shirts (die auf einem so grossen Festival unbestritten ihre Vorteile bei der Bandkollegen-Ortung haben) und einer Auswahl an Trigon-CDs rege frequentiert, während mit Birth Control die nächste Band die Bühne betrat. Von den Birth Control der Siebziger Jahre ist nur noch Schlagzeuger Noske übrig, der Rest der Band besteht aus jüngeren Musikern. Die Musik bot altbekannten Mix aus Krautrockigem und Hard Rock, nix weltbewegendes, aber live im Rahmen eines solchen Festivals durchaus charmant. Weiter ging's - wenn meine inzwischen schon etwas trübe Erinnerung mich nicht täuscht - mit Mr. Quimby's Beard, die moderne, trancig-monotone Spacerock-Klänge mit viel Synthesizer-Geblubber-Sequencen boten. Etwas seltsam waren die gelegentlich Vokal-Einwürfe, die mich und auch andere ziemlich an Scooter ("Hyper! Hyper!") erinnerten; da kam fast Techno-Feeling auf. Aber zu so später Stunde und vor einen malerischen Kulisse fand ich's durchaus angenehm.

Danach sollten um 1:00 noch Guru Guru spielen, aber es wurde zum einen langsam kühl (vorher war das Wetter am Freitag aber durchaus ok: zwar bewölkt, aber einigermassen warm und vor allem trocken, auch wenn das Festival-Gelände wegen der vielen Regenfällen in den Wochen zuvor schon ziemlich matschig war), zum anderen war ich nach der langen Fahrt (über 5 Stunden von München) und dem Auftritt nicht mehr wirklich fit. Deshalb ging's ins Hotel, ein kleiner schnuckliger Gasthof in Oberjossa, einem Ortsteil von Breitenbach ein paar Kilometer weg. Mein Zimmer dort war übrigens sauber, modern eingerichtet und gemütlich, das Frühstücks-Buffet war OK und die Preise sehr zivil.

Samstag ging's dann gegen Mittag weiter mit Farfarello mit Nippy Noya. Ich muss gestehen, dass ich davon nicht viel mitbekommen habe, weil wir im Catering Zelt rumlungerten und die Trigon Jungs, die eine wesentlich kürzere Nacht im Zelt hinter sich hatten, erstmal auch ohne erfrischende Dusche auf Touren kommen mussten... Was ich dort mitbekommen habe, klang aber auch nicht sehr begeisternd, mehr oder weniger akustische "Teufelsgeiger"-Musik mit gelegentlich Zitaten von Standards aus verschiedenen Musikrichtungen. Danach kam die Berliner Band Karthago, auch nicht mehr in Urbesetzung, aber immerhin mit drei "alten" Mitgliedern (darunter Ingo Bischof von Kraan), die netten, funkig angehauchten Hardrock spielten.

Bis dahin war der Samstag ein strahlend schöner Tag, mit viel Sonne, ohne dabei zu brutal heiss zu sein. Leider begann danach das Wetter mit unschönen Kapriolen. Erstmal gab's einen ziemlich üblen, langandauernden Wolkenbruch, der auch während des ersten Teils des Sets von "Hattler" anhielt, weshalb ich davon nicht sehr viel mitbekam. Immerhin hörte der Regen zur letzten halben Stunde von Hattler wieder auf, und vor der Bühne versammelten sich wieder ein paar Zuhörer mehr. "Hattler" spielten Fusion-lite-Soul-Funk (oder sowas in der Art) mit hervorragendem Bass und prima Jazz-Trompete plus Schlagzeug, zwei Sängerinnen und vielen Einspielungen vom Band/Sequencer. Mir persönlich waren bei allem Spassfaktor einige der Nummern etwas zu seicht, ich bin ja nicht wirklich der Rumhops-Typ...

Während des Wolkenbruchs traf übrigens auch Charly Heidenreich auf dem Gelände ein, wie immer voller Tatendrang und guter Laune und bekannt wie ein bunter Hund, deshalb ständig in drei Gespräche gleichzeitig verwickelt. Es gibt wohl keinen Menschen sonst, der so selbstverständlich einen blauen Müllsack als Regen-Poncho trägt.

Nach Hattler wurde das Wetter wieder besser. Frogg Café legten einen tollen Auftritt hin. Die absolut sympathischen New Yorker spielten eine abwechslungsreiche Mischung aus Eigenkompositionen von ihren beiden Alben und Zappa-Coversongs. Insbesondere die Songs von "Creatures", der zweiten Frogg Café-CD, lebten live regelrecht auf, wirkten druckvoller und lebendiger. Auch begeisterte Nick wieder mit einigen fantastischen Trompeten-Soli. Das Publikum war jedenfalls begeistert, was sich auch in einen wirklich guten Umsatz am Frogg Café-Stand nach dem Auftritt übersetzte.

Danach spielten Caravan vor guter Kulisse während wieder blauem Himmel, der nur mit ein paar malerischen Schäfchen-Wölkchen getupft war. Neben ein paar Stücken vom neuesten Album gab's jede Menge Klassiker, darunter Golf Girl, Nine Feet Underground und das unvermeidliche For Richard. Zwar haben die Mannem um Pye Hastings die selbstironische, jazzige, locker-flockige Leichtigkeit ihrer klassischen Alben ein bisschen zugunsten einer etwas rockigeren Herangehensweise verloren, dennoch machte es Spass, dem Canterbury-Urgestein zuzuhören und vor allem hat mich der Caravan-Auftritt motiviert, nach längerer Zeit nochmal "In The Land Of Grey And Pink" sowie "If I Could Do It All Over Again, I Would Do It All Over You" rauszuziehen.

Nach einer kurzen Pause ging's weiter mit den Anekdoten aus Schweden, die gut drauf wirkten, aber anfangs meines Erachtens (hört! hört!) zu leise waren, so dass nicht der gebotene Druck rüberkam. Das änderte sich aber mit dem Titelstück-Kracher von "Nucleus", der brutal und heftig abging. Leider wohl so heftig, dass der Wettergott erzörnt gewesen zu sein scheint. Denn kurz nach "Nucleus" begann unvermittelt ein heftiger Wind zu blasen, innerhalb von - ungelogen - einer halben Minuten zog eine riesige Wolke auf und die Sinflut schien sich zu ergiessen. Der Wind war so stark, dass Schlagzeuger Peter Nordins seine Becken festhalten musste, um sie vor'm Wegfliegen zu bewahren. Auch ich flüchtete ins Auto, da das wahrscheinlich einer der trockeneren Ort auf dem Gelände war, wo obendrein mit Akranania von Akineton Retard gute Musik als Anekdoten-Ersatz zur Verfügung stand :-). Aber da auch nach einer Dreiviertelstunde des Wartens der Regen kein Anzeichen machte, deutlich schwächer zu werden, flüchtete ich schliesslich ins Hotel und liess deshalb Hawkwind sausen, die mich wirklich interessiert hätten. Ich bin halt ein Weichei, und fuhr aber wenigstens am nächsten Morgen als halbwegs ausgeruhtes und trockenes Weichei nach dem Frühstück nach Hause...

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