28.11.2007

Bibelstellenmemorierung via Pop-Symphonien

Rick Altizers "Scripture Memory - Pop Symphonies" ist ohne Frage eines der bezauberndsten Beatles-Pop-Alben der letzten Zeit. Altizers räubert sich professionell, aber sehr charmant einmal quer durch die Phase "Rubber Soul" bis "White Album" (Siehe nur den "Cry Baby Cry"-Wiedergänger "Love Never Fails"), lässt dabei aber die experimentelleren Nummern aus, streut eine Prise Beach Boys ein ("I Can Do all Things Through Christ") und versteckt auch Spurenelemente Pink Floyd ("For I Know The Plans I Have For You"). Das hat was von Jeff Lynne, aber ohne Schleim. Ohne musikalischen jedenfalls.

So weit, so - sehr sogar - gut. Schwierig wird das Gelände aber, wenn man folgende Aussage des Künstlers (der übrigens kein komplett unbeschriebenes Prog-Blatt ist: Eines seiner vorhergehenden Alben, "Neon Fixation", produzierte Adrian Belew, und Altizer gehörte zu Neal Morse' Testimony-Live-Band) in Betracht zieht:

I decided to do my best to make an excellent record in hopes that you would listen to it multiple times. After repeated listening, the scriptures would be forever lodged in your brain.

"Scipture Memories" ist also explizit als Gehirnwäsche konzipiert. Tatsächlich bestehen die Texte nur aus Bibel-Stellen.

Jetzt ergeben sich mehrere interessante Fragen.

Zuerst natürlich: Wie steht der Hörer zu Indoktrinationsversuchen via Songtext?

Wer einerseits solcherart Versuche rundherum und ganz unabhängig von der eigenen Gesinnung ablehnt, gerät in die Bredouille, dass selbst scheinbar harmloseste Texte Wertsysteme voraussetzen und transportieren. Sogar instrumentale Musik ist durch ihre Einbettung in gesellschaftliche Zusammenhänge beladen mit Bedeutung.

Wer andererseits sagt "Is mir doch komplett egal", muss sich konsequenterweise zu einem radikalen Werte-Relativismus bekennen, was konsistent schwer durchzuhalten ist. Außerdem müsste man sich dann erstmal darüber klar werden (eine weitere Frage aus diesem Komplex), ob sich Ethik und Ästhetik überhaupt ohne weiteres trennen lassen. Kann man "schön" und "gut" (im moralischen Sinne") klar von einander abkoppeln?

Die, glaube ich, ehrlichste Antwort ist daher: Es kommt drauf an, was besungen wird.

So wenig etwa ich persönlich mit fundamentalistischem Christentum anfangen kann und so nervig ich es finde, wenn in einem ansonsten formidablen Pop-Song jedes fünte Wort "Jesus ist", so ist mir letztenendes doch lieber, wenn jemand die Bergpredigt singt, als wenn es Passagen aus "Mein Kampf" wären.

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