09.03.2005
Bands vs. Gruppen
Wenn ich Rezensionen und Foren-/Mailinglisten-Beiträge lese, fällt mir in letzter Zeit immer häufiger auf, dass der Begriff "Gruppe" nur selten benutzt wird, wenn es um ein populärmusikalisches Ensemble geht. Dies fällt vor allem dann ins Auge, wenn er doch einmal fällt, eben weil der allgemeine Sprachgebrauch sich so sehr auf den Anglizismus "Band" eingeschossen zu haben scheint, dass die Verwendung der deutschen Entsprechung die deshalb herausstechende Ausnahme ist. Ich denke, das war - eigentlich klar - einmal anders: "Gruppe" scheinen vor allem die etwas älteren Fans - hmpf, also, die etwas älteren Musikfreunde zu benutzen, die schon in den 70er Jahren groß geworden sind, als das Wort noch gang und gäbe war.
Blog-Eintrag, veröffentlicht um 11:00 Uhr, in
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Kommentare
In den 70ern war es natürlich auch nicht anders als heutzutage, prinzipiell waren alle Bezeichnungen bekannt: Combo, Gruppe, Terzett, Band, Ensemble. (Damals trugen die Menschen ja längst keine Felle mehr, auch wenn viele so aussahen :-)
Die Frage ist, wer sagte was?
Meine Äußerung bezog sich auf jugendliche Rockhörer. Die sagten "Gruppe". "Band" klang verstaubt, weil:
- Bigband
- Dixielandband
- "bei Onkel Pö spielt ne Rentnerband"(Lindenberg)
- Count Basie Band
- Skiffleband
usw., usw.
"Band" war eine Bezeichnung für Formationen, die Musik von gestern spielten. Mit den Senioren meinte ich alle, die sich mit diesem "alten Kram" identifizierten, egal wie alt die Betreffenden real waren, und natürlich auch die jeweiligen Musiker selbst.
Dass Bigbandjazz was für intellektuelle Kreise war, würde ich zwar nicht gerade behaupten. Aber Leute, denen bereits solche Musik zu weit ging, für die war der Begriff der Wahl "Tanzorchester". Die hörten Max Greger und Co. und denen war nun gar nicht mehr zu helfen :-)
Begriffe unterliegen leicht dem Phänomen des "gesunkenen Kulturguts", wenn sie (wie jugendliche Naivität das nun mal betrachtet) von den falschen Leuten gebraucht werden. Das ging z.B. beim Ausdruck "Beat" oder gar "Beatmusik" rasend schnell: Diese Ausdrücke eigneten sich Eltern relativ schnell an, und es war unerträglich peinlich, sie so etwas sagen zu hören wie: "Musst Du diese Beatmusik immer so laut machen?" Daher wurde der Ausdruck "Rock" rasch zum gültigen Code, denn aus irgendeinem rätselhaften Grund brachten Eltern den wesentlich schwerer über die Lippen (im Gegensatz zum Begriff "Rock n Roll" seltsamerweise).
Notabene: Alles, was sich sage, bezieht sich natürlich nur auf den deutschen Sprachraum.
Mit jedem Generationenwechsel haben Begriffe, die scheinbar längst erledigt sind, beste Chancen wiederentdeckt zu werden, weil nun andere Ausdrücke in der Hand der Älteren sind - wie z.B. "Gruppe", was für mich betagteres Semester immer der "natürliche" Begriff sein wird, auch wenn ich auf den BBS sehr häufig von "Bands" spreche.
Das Thema, das Udo da angestoßen hat, ging mir beim Lesen der BBS-Rezis auch schon öfter durch den Kopf, allerdings bezogen auf den Ausdruck "Platte". Mir schien es mal so, als sei das Wort "Scheibe" wieder mehr en vogue, ich habe aber keine Belege gesammelt, so dass ich da unsicher bin. Der Ausdruck "Scheibe" jedenfalls gehört in meiner Sozialisation (mit nem Jahrzehnt mehr als Horst aufm Buckel) in den Bereich widerlichen Kommerzgeschwafels. "Scheibe" sagten Moderatoren von Radio Luxemburg. Seriöse Gymnasiasten ;-) sprachen immer nur von "Platte", die logisch-simple Abkürzung von Schallplatte halt.
In den 70ern sagte kaum jemand "Band", weil damals dieser Ausdruck der veraltete und verstaubte war. Er passte besser für uncoole Jazzsenioren, die sich für Auftritte in die unvermeidlichen Rollkragenpullover würgten. "Gruppe" war der zeitgemäße Ausdruck bei (deutschen) Rockhörern.
Ähnliches lässt sich oft beobachten. Z.B. war es in den 70ern auch verpönt, den Ausdruck "Party" zu gebrauchen. Eine "Party" gaben Eltern für ihre öden Geschäftsfreunde. Trendbewusste Jugendliche sagten "Fete". Nun sind die Jugendlichen längst selbst Eltern, und der Ausdruck "Party" hatte bei den Nachgeborenen seine Renaissance.
Dieses Wechselspiel von neu zu alt zu neu verändert den Blick auf die Welt unvermeidlich, je länger man über den Planeten wandelt. Und so seufzte vor Jahrtausenden schon jemand "Es gibt nichts Neues unter Sonne".
Ich glaube fast, RJG meint mit "uncoole Jazzsenioren" nicht unbedingt Musikhörer im Rentenralter, sondern (damals) alte Böcke von mehr als 25-30 Jahren Lebensalter (schließlich war das doch die "Trau keinem über 30"-Zeit, oder?).
Mich wundert doch sehr, dass die Bezeichnung „Band“ in den 70er Jahren als verstaubt galt. Sprachen die älteren Generationen nicht eher von „Combos“, „Kapellen“ oder vielleicht sogar „Musiktruppen“? Kann mir kaum vorstellen, dass es allzu viele „Jazzsenioren“ gab und daher die englische Bezeichnung „Band“ als verpönt galt. Welcher Normalbürger Jahrgang 1920 sprach von einer Band? Waren das nicht eher ganz kleine intellektuelle Kreise, die sich zum Beispiel dem Bigband-Jazz gewidmet hatten? Leider kann ich meinen Großvater nicht mehr fragen, aber er hat bestimmt nie das Wort „Band“ verwendet. Er rümpfte immer über solche „Gruppen“ die Nase. Wie war das in den Schlagerfilmen der 50er Jahre mit Peter Kraus, Hazy Osterwald und Co.? Da war doch immer die Rede von einem „Terzett“, „Quartett“ usw. Das ist mein persönlicher Eindruck als ein im Jahr 1970 geborener Musikhörer.
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