BajaProg: Progressive Newsletter
Und im Kontrast zum sehr knappen Eclipsed-Beitrag hier der Progressive Newsletter-Bericht ohne Längenbeschränkung, aber auch ohne Exzesse.
BajaProg in Mexicali, in der Baja California Mexikos, ist eines der langlebigsten Prog-Festivals weltweit. 2005 fand die neunte Ausgabe statt, für die wieder einige große und nicht so große Namen gewonnen werden konnten. Leider macht Mexicali selbst nicht viel her: die stark industriell geprägte Grenzstadt liegt mitten im wüstenartigen Nirgendwo und lädt weder zum Bummeln noch zum Shoppen ein. Wahrscheinlich bemühen sich die BajaProg-Organisatoren rund um die Band Cast um ein relativ voll gepfropftes Programm: Prä-Festivalparty am Vorabend der ersten Konzerte, 4 Tage mit jeweils 5 Bands, Aftershow-Party am nach dem letzten Auftritt und zwischendrin als besonderes Event noch eine Drumclinic mit Carl Palmer, der auch mit seiner jungen Band einer der Festival-Headliner war. Deshalb ist es kaum zu schaffen, alle Konzerte ohne spürbare Ermüdungserscheinungen mitzunehmen, und schließlich mussten wir auch noch unseren eigenen Auftritt mit Trigon vorbereiten...
BajaProg hat zwei Bühnen: eine kleinere im Garten - auf dem Tennisplatz, direkt neben dem Pool - des zentralen und im übrigen sehr guten Festivalhotels Araiza Inn, wo open air im strahlenden Sonnenschein bei noch angenehmen mexikanischen Frühlingstemperaturen die ersten beiden Bands des Tages schon ab 13:00 mittags auftreten. Von den Araiza-Bands wussten vor allem Eclat aus Frankreich und Fantasmagoria aus Japan zu überzeugen. Beide Gruppen verbinden Progelemente mit einem starken Jazzrock-Einschlag, bei Eclat eher retro- und neoproggig gefärbt, bei Fantasmagoria - einer jungen Band rund um die Geigerin Miki Fujimoto, die auch mit dem akustischen, klassischen angehauchten Ensemble Asturias auf der Hauptbühne am Start war - mit mehr oder minder starken Funkeinflüssen.
Bei den anderen Bands auf der Hotelbühne schwankte die Qualität zwischen Schülercombo-Niveau und solide. Auffällig war vor allem, dass die Organisatoren die Schublade "Prog" relativ großzügig auslegten: vom klassischen RetroProg der Italienier Il Castello di Atlante über den fast clubtauglichen Elektrosound der Nino Astronautes aus Mexiko bis hin zum Vai/Satriano-artigen Gitarrenheroen Sound des US-Amerikaners Steve Davis war eine ungemeine Bandbreite vertreten.
Die wechselhafte Qualität setzte sich auch bei den Hauptkonzerten im Stadttheater Mexicalis fort. Der symphonische Gothmetal von Ashtar aus Brasilien etwa wirkte sehr wacklig und wenig begeisternd. Die Ozric Tentacles - eigentlich eine verlässliche Liveband - hatten mit starken Technikproblemen und einer obendrein recht neuen Besetzung zu kämpfen, so dass ihr Konzert ebenfalls enttäuschend ausfiel. Tripod, das ungewöhnliche Trio - Saxophon, Bass, Schlagzeug - aus den USA, waren zwar laut und druckvoll, kamen aber als nicht mehr als ein ausgedehntes Sound- und Showgimmick herüber, obwohl mir ihr gleichnamiges Studioalbum in guter Erinnerung war: viel Gehampel, monströses Drumset, extravagantes Bühnengehabe, aber wenig musikalische Substanz. Absoluter Tiefpunkt waren allerdings Flash aus England, ursprünglich das Projekt des Ex-Yes-Gitarristen. Nicht nur, dass Banks nichts mit den aktuellen Flash zu tun hat, die Band reiste obendrein als Gitarrenduo an (ob das von Anfang an so geplant war, oder ob die Gerüchte von verpassten Flugzeugen der restlichen beiden Musiker stimmten, die später die Runde machten, wurde nie offiziell bekannt gegeben), das zu zweit ein paar poprockige Nummern vor sich hin schrammelte. Ehrlich gesagt höre ich in der Münchner Fußgängerzone oft bessere "Bands". Gott sei dank gab es allerdings die Möglichkeit, zwischen den Konzerten auf der Plattenbörse im Theater mit internationalen Händlern und vielen raren oder nur schwer in Deutschland erhältlichen CDs über Frustkäufe für Ausgleich zu sorgen.
Ich will aber nicht nur meckern: lange nicht alles war schlecht. Highlights der Theatershows waren vor allem Taal, Caravan und vor allem Tryo. Taal boten einen souveränen, fetten Auftritt ihrer ansprechenden Mischung aus komplexem, klassisch angehauchten Prog und Metalklängen, der dank eines deutlich besseren Sounds wesentlich ansprechender ausfiel, als ihr Deutschlandgastspiel beim letztjährigen Freakshow-Festival. Getoppt wurden sie aber gleich danach von Caravan, die ungeheure Lockerheit und Professionalität verströmend ihren gleichermaßen poppig wie jazzig angehauchten Canterbury-Sound auch nach 35 Jahren immer noch überzeugend darbieten. Bonuspunkte gibt es auch für das beste Löffelsolo des Festivals von Viola-Spieler Geoffrey Richardson.
Für mich die musikalischen Abräumer des Festivals waren allerdings Tryo aus Chile. Das klassisch ausgebildete Trio (was sonst?) begann zwar ihren Auftritt mit einem ausgedehnten, sehr ruhigen, rein akustischen Set, das die Geduld einiger Zuschauer auf die Probe stellte, aber spätestens mit dem Wechsel zu den elektrisch verstärkten Instrumenten waren alle Bedenken verflogen. Tryos sehr fette, virtuose Musik mit Anklängen bei King Crimson und Rush war gleichermaßen komplex wie mitreißend.
Das letzte Ausrufezeichen des Festivals setzten Arti & Mestieri aus Italien, die kurzfristig für Banco als Headliner eingesprungen waren, nachdem Banco-Sänger Francesco Di Giacomo krankheitsbedingt absagen musste. Star des Ensembles ist Schlagzeuger Furio - klar, bei dem Namen - Chirico, der mit krakenartiger Geschmeidigkeit die Musik ständig vorantrieb. Arti & Mestieris auch nach 30 Jahren immer noch frisch wirkenden Kombination aus mellotronlastigem Symphonic-Sound und elastischen, treibenden Jazzrock-Rhythmen konnte musikalisch begeistern, litt aber wie einige der anderen Bands im Theater unter einer unausgewogenen Abmischung, sorgte aber trotzdem für einen versöhnlichen Festivalabschluss.
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