BajaBuch, 6: Die Eingeborenen von Trigonesien rocken Mexicali
Erstmal danke an RJG für das den Titel dieses Eintrags zierende Wortspiel: Ehre, wem Ehre(?) gebührt...
Sonstige Präliminarien: ich glaube, irgendwo bin ich mit der Nummerierung der Tage durcheinander gekommen; ich habe das dumpfe Gefühl, dass dies auch Nummer 7 sein könnte, oder zumindest der vorvorletzte Eintrag nicht Nummer 8 sein dürfte. Das hat man davon, wenn man bei 0 zu zählen beginnt und/oder übermüdet inmitten einer sechsunddreißigstündigen Heimreise (netto, also die Zeitverschiebung rausgerechnet) schriebselt.
Wie auch immer: jetzt geht's um den Samstag, der naturgemäß für uns den Höhepunkt des Mexiko-Ausflugs bildete, da wir an diesem Tag unseren Baja-Auftritt hatten. Rainer, Stefan und Tihomir hatten in der Nacht von Donnerstag auf Freitag schon ein kleines, aber feines Warmspiel-Konzert als Trio im "Fay Rosas"-Club vor kleinerer Kulisse absolviert, der uns zugeflogen war. Leider war uns, insbesondere mir, dafür nicht auch ein Keyboard zugeflogen, so daß ich mich damit begnügen musste, von der Seitenlinie aus mit dem Rest des Publikums Beifall zu spenden.
Da die Samstagskonzerte allesamt um zwei Stunden nach vorne verlegt waren, um Raum für die am gleichen Tag stattfindende Abschiedsfeier zu machen, sollten die nach uns spielenden Eclat bereits um 9:00 mit ihrem einstündigen Soundcheck beginnen, danach wären wir an der Reihe gewesen. Klar, "sollten", "wären". Ich bin es ja gewöhnt, dass der Soundcheck-Zeitplan mehr Science Fiction als sonst etwas ist, aber als Eclat um 10:45 immer noch zugange waren, war ich doch etwas angenervt und beschloss, meine Gereiztheit unauffällig auf Jean, den Eclat-eigenen Mann hinterm Mischpult zu übertragen, in der Hoffnung, dass Procedere etwas zu beschleunigen. Also baute ich mich, sämtliche Konzepte des "Personal Space" missachtend, hinter ihm am Pult auf und äugte so kritisch, wie ich es mit müdigkeitskleinen und sonnenverkniffenen Augen hinbekam.
Allerdings konnte ich das nicht lange durchhalten, weil ich ab dann mitbekam, welchen heldenhaften Kampf mit veralteter und unvollständiger Technik Jean tatsächlich hinter dem Pult ausfocht. Es grenzte an ein Wunder, dass er den Sound nicht nur für Eclat, sondern auch für uns später (Danke, nochmal!) überhaupt so sehr brauchbar hinbekommen hat. Es war nur ein Equalizer vorhanden, was Monoklang bedeutete, die Schieberegel waren so mitgenommen, dass sie sich zwar mühelos hochregeln, aber nicht mehr herunterziehen ließen, DI-Boxen und andere Gerätschaften wurden gerade eben noch von Klebeband zusammengehalten, was Gefahr ernsthafter elektrischer Schläge für unachtsam umherstolpernde Musiker bedeutete, und obendrein stand das Netzteil der Anlage mehr oder weniger ungeschützt in der prallen Mittagssonne, was von unseren immer überaus netten und ungemein hilfsbereiten, aber eben auch südländischen Gastgebern vor dem Konzert mit einem "Das passt schon"-Achselzucken quittiert wurde, während der daraus resultierende Totalausfall der Anlage mitten während des Eclat-Auftritts (ein Eklat, quasi *tataa!*) nicht mehr mit Achselzucken, sondern wütenden Faustschlägen auf die Anlage bedacht wurde.
Jedenfalls schafften wir dank Jeans Vorarbeit einen sehr zügigen Soundcheck und konnten mit minimaler Verzögerung unser für 12:00 angesetztes Konzert als erste Band des letzten Tages beginnen. Im Laufe unseres Auftritts zog es immer mehr Zuschauer vor auf dem hoteleigenen Tennisplatz und der zugehörigen Wiese platzierten Araiza Inn Bühne, so dass gegen Ende einige hundert Zuhörer vor Ort in der Mittagssonne gestanden haben dürften. Diese wirkten auch - dem Beifall und den anschließend restlos ausverkauften mitgebrachten Trigon-CDs am heldenhaft von Harry und Fix (auch Euch: danke!) bemannten Merchandise-Stand nach zu schließen - einigermaßen begeistert. Große Teile des Publikums schienen mir - im Gegensatz zu den eher durch die angereisten US-Fans geprägten Abendkonzerten - Einheimische zu sein, wodurch es sich gelohnt hatte, dass Tihomir die Ansagen von einem chilenischen Freund ins Spanische übersetzen lassen hatte. Diese trug er in einem von einer Mischung aus deutschem und mazedonischen Akzent geprägten Spanisch vor, was Mitveranstalter Alfonso Vidales zur unauffälligen Frage "Ist das Latein?" veranlasste...
Musikalisch war es sicher nicht der allerbeste Trigon-Auftritt, aber angesichts der Umstände (mäßiger Monitorsound, ungewohntes Effektgerät und Verstärker für Rainer, hitzebedingte Dehydrierung, da nur 0.5l Wasser pro Musiker auf der Bühne zu finden waren etc.) durchaus akzeptabel und repräsentativ für das, was Trigon ausmacht, auch wenn es einige - allerdings allesamt einigermasse abgefangene - spontane Reorganisationen der Songstrukturen gab, sprich: verpatzte Übergänge und verpasste Schlüsse. Das Publikum schien dennoch sehr angetan, und der Abgang von der Bühne gestaltete sich ohne Übertreibung als Spiessrutenbad in der Menge der Autogrammjäger, die sich auch nicht von meinem verzweifelten Versuch via Unmengen unter die Arme geklemmter Ausrüstungsgegenstände als zu beladen dem Trubel zu entkommen beirren liessen. Timi hatte es einfacher: er wurde von Harry angesichts der gemeinsam beladenen Waschmaschine gnadenlos von den Fans weggezerrt: "Der Rockstar muss meine Unterhosen waschen, der hat keine Zeit für Autogramme". Vielleicht ist es doch noch ein wenig hin bis zum Weltruhm, wenn Trommel für den Schlagzeuger auch noch Waschtrommel bedeutet.
Nach zwei weiteren Interviews und der freudigen Erkenntnis, dass unser CD-Stand leer gekauft war, versuchte ich, den anschliessenden Auftritt von Eclat ein wenig zu geniessen, was mir wohl leichter fiel als der Band auf der Bühne, die mit der tückischen Technik - vor allem dem oben erwähnten Totalausfall, den Schlagzeuger Marco heldenhaft mit einem unverstärkten Drumsolo überbrückte - zu kämpfen hatten. Schade, denn Eclats ansprechende Mischung aus Neoproggigem und verspieltem, virtuosen Jazzrock hätte einen besseren Rahmen verdient gehabt und musste sich auch nicht vor den Leistungen etlicher der Bands auf der Abendbühne verstecken, im Gegenteil. Ganz abgesehen davon sind die Jungs obendrein einfach nett.
Die ersten beiden Abendauftritte (Asturias und Ken Hensley) ersparte ich mir anschliessend und saß lieber mit den anderen noch ein wenig bei ein oder zwei kühlen Mexicali Beers erst auf der Hotelwiese, später in der Hotelbar bei Diskussionen - ganz wortwörtlich - über Gott und die Welt. Sonne, Bier, Erschöpfung: das bedeutet, dass Philosophie lauert.
Arti & Mestieri wollten wir uns allerdings nicht entgehen lassen. Leider setzten sich die schon an den vorangegangenen Tagen aufgetretenen Soundprobleme auch bei Arti & Mestieri fort: Schlagzeug und Bass waren dröhnend laut, der Rest der Band mindestens im Vergleich deutlich zu leise und das mächtige Mellotron leider kaum zu hören. Schade, denn die arti'sche Mischung aus melodisch-hymnischem, klassischen ItaloProg und pulsierendem Jazzrock macht wirklich Spass und die Band schien gut aufgelegt. So blieb der Hörgenuss leider dabei, dem geschmeidigen und übergeschäftigen Schlagzeuger Furio (dieser Name! Faust, Auge und so) Chirico zuzuschauen und -zuhören.
Vor der anschließenden Abschiedsfeier besorgte Rainer an der Rezeption via Zimmerservice noch für schmerzhafte 50$ einen Stapel Club Sandwiches mit - am nächsten Tag natürlich gnadenlos kalten - Pommes Frites als Reiseverpflegung. Die Party selbst nutzten wir nur, um uns vor der frühen Heimreise noch einmal ordentlich den Bauch am exzellenten mexikanischen Büffet vollzuschlagen, da durch die anstehende Sommerzeitumstellung die kurze Nacht noch kürzer war. Übrigens gab es ebendort einen Riesenstapel fix und fertig eingepackter Sandwiches als Reiseverpflegung zur kostenlosen Mitnahme. Naja, die Club Sandwiches waren auch lecker.
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