28.10.2008

Am Rande der Kante - und darüber hinaus

Im folgenden zwei Beiträge von mir für die große mehrteilige Yes-Story des Musikmagazins Eclipsed anlässlich des 40jährigen Band-Jubiläums: Zum kompositorischen Ansatz von "Close to the Edge" sowie zu "Tales from Topographic Oceans" im Allgemeinen.

Am Rande der Kante - Yes und die klassische Kunstmusik

Yes sind eine der quintessentiellen Prog-Bands. Dies betrifft auch eines der wichtigsten Merkmale des Progressive Rocks: Die Verbindung von Techniken der klassischen Kunstmusik mit den Ausdrucksmitteln des Rock und Pop. Dass Yes sich wohl selber so sahen, kann man daran ablesen, dass sie ihre Konzerte in den 70ern mit Musik aus Strawinskys Feuervogel eröffneten.

Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, Rock und Klassik zu verbinden. Yes haben alle mehr oder weniger extensiv genutzt: Sie haben klassische Musik bearbeitet und aufgenommen ("Cans and Brahms" auf "Fragile"), sie nutzten "klassische" Instrumentierung (Orchester-Arrangements auf "Time and a Word" sowie "Magnification", die Kirchenorgel-Exzesse auf "Going for the One"), und sie brachen das Songschema in Sachen Ablauf/Dauer, Harmonik und Textur auf (unzählige Beispiele dafür finden sich bei Yes alleine in der Zeit von 1971-1977).

Das beste Beispiel dafür ist das hauptsächlich von Sänger Jon Anderson und Gitarrist Steve Howe komponierte Titelstück des Albums "Close to the Edge". Diesem widmen auch die beiden amerikanischen Musikwissenschafter Ed Macan (in seinem Buch "Rocking the Classics") und John Covach (in einem Beitrag zu dem Band "Understanding Rock") ausführliche Analysen. Beide sind übrigens selber Prog-Musiker: Macan mit "Hermetic Science", Covach mit "Land of Chocolate".

Covach legt das Augenmerk auf Yes' Verbindung einzelner Merkmale klassischer Musik mit dem Erbe des Pop. Neben der Erwähnung aufälliger, aber eher oberflächlich "geborgter" Merkmale wie dem kurzen pseudo-barocken Fugato bei ca. Minute 8:00, arbeitet er heraus, dass auf tiefer liegenden Ebenen, etwa in der rhythmischen Entwicklung von Chris Squires Bass-Linien, Yes' Musik der Klassik eben so viel verdankt wie dem End-60er-Pop, aus dem die Band hervorging.

Während Covach argumentiert, dass den vier Teilen von "Close to the Edge" eine zweiteilige Tiefenstruktur entspricht, arbeitet Macan die formale Verwandtschaft des Stückes mit der klassischen Sonatensatzform heraus (optionale Einleitung, Exposition, Durchführung, Reprise). Das instrumentale Intro entspricht dabei der Einleitung, der eigentliche erste Teil, "The Solid Time of Change", sowie der zweite Teil, "Total Mass Retain", entsprechen der Exposition, "I Get Up I Get Down" der Durchführung und "Seasons of Man" der Reprise.

Trotz dieser akademischen Weihen sollte man eines nicht vergessen: Die Yes-Mitglieder waren im wesentlichen Instinktmusiker, die klassische Einflüsse eher unbewusst übernahmen. Von ihnen hatte lediglich Keyboarder Rick Wakeman eine klassische Ausbildung - ohne Abschluss. Er wurde wegen Vernachlässigung seiner Studien vom Royal College of Music geschmissen (oder verließ es freiwillig - je nach dem, wen man fragt). Er selbst meint zu Yes' damaliger Musik: "Um die Wahrheit zu sagen, ich glaube nicht, dass wir wirklich wussten, was wir taten". Schlagzeuger Bill Bruford bestätigt dies anlässlich der Arbeit an "Close to the Edge": "Wir begannen ein Stück aufzunehmen, kamen zur Hälfte durch, und keiner wusste, wie zur Hölle wir es zu Ende bringen würden."

"Close to the Edge" ist also ein gutes Beispiel für das, was Kunst häufig ausmacht: Dass ein Kunstwerk über den Künstler herausreicht.

Jenseits der Kante - Tales from Topographic Oceans

Das sechste ist wohl das umstrittenste Yes-Album. Selbst Fans der sogenannten "Main Sequence" ("The Yes Album" bis "Relayer") sind zu "Tales from Topographic Oceans" geteilter Meinung: Für die einen ist es ein Meisterwerk, das Pièce de résistance im Yes-Oevre, für die anderen ist es aufgeblasen, nichts sagend und der Beginn des Endes, nicht nur guter Yes-Musik, sondern des Progressive Rocks überhaupt. Zeitgenössischen Kritiker waren jedenfalls der Meinung, dass sich Yes mit "Tales" verhoben hätten: In Anspielung auf den Titel des vorhergehenden Albums "Close to the Edge" sprachen sie von "Over the edge" oder "Close to boredom". Ein kommerzieller Erfolg wurde es trotzdem.

Entstanden ist "Tales" vielleicht aus einer Trotzreaktion. Laut Liner Notes war Yes-Sänger Jon Anderson seit einiger Zeit auf der Suche nach Ideen für ein "groß angelegtes" Werk. Noch größer angelegt als "Close to the Edge"? Immerhin hatte selbst Ex-Schlagzeuger Bill Bruford CttE als den Kulminationspunkt Yes'schen Schaffens angesehen. Also musste es ein Doppelalbum sein, mit nicht nur einer seitenfüllenden Komposition, sondern gleich vieren (Yes waren allerdings weder die ersten noch die letzten, die diesen Aufbau verwendeten: siehe Soft Machines "Third", 1970, oder Mike Oldfields "Incantations", 1978). Inspiriert wurde Anderson schließlich von einer Fußnote* in "Autobiography of a Yogi" von Paramahansa Yogananda, die die Einteilung der indischen Shastra-Schriften in vier Klassen erwähnt. Jede dieser vier Klassen steht in "Tales" Pate für eine der Kompositionen, die im wesentlichen von Anderson und Gitarrist Steve Howe geschrieben wurden.

Die erste Nummer, "The Revealing Science Of God", ist wohl das rockähnlichste Stück auf Tales, mit viel Gesang und ausufernd arrangiert. Das folgende "The Remembering" schindet Zeit mit pseudo-mystischen Keyboard-Flächen, enthält dennoch einige herrliche Melodien (dies gilt übrigens für alle Tales-Seiten). "The Ancient" ist das "Show piece" für Howe, der sich über einer hektischen Percussion-Begleitung in langen, nahezu atonalen Solo-Passagen austobt, bis diese kompromisslose Schrägheit mit dem kinderliedartigen Akustikteil "Leaves of green" kontrastiert wird. "Ritual" schließlich ist die überzeugendste Nummer des Albums, die Andersons Friede-Freude-Eierkuchen-Engelsgesang mit der entfesselten Yes-Rhythmusgruppe Squire/White kombiniert und das einzige Stück von "Tales" ist, das auch später regelmäßig in Gänze von Yes live gespielt wurde. Trotz auch aller späteren Exzesse: So musikalisch ambitioniert wie mit "Tales" gaben sich Yes danach nie wieder.

Selbst nach Jahrzehnten ist "Tales" das Yes-Album, zu dem ich am häufigsten zurückkehre. Es gibt einfach so viel zu entdecken, trotz - vielleicht sogar wegen - der unbestreitbaren Längen. Die über wiederkehrende Themen musikalisch eng verzahnten vier Teile erfordern vom Hörer zwar einigen guten Willen, vielleicht sogar Arbeit, belohnen diese aber reichlich.

*Fußnote: Die berühmt-berüchtigte Fußnote:

Pertaining to the shastras, literally, "sacred books," comprising four classes of scripture: the shruti, smriti, purana, and tantra. These comprehensive treatises cover every aspect of religious and social life, and the fields of law, medicine, architecture, art, etc. The shrutis are the "directly heard" or "revealed" scriptures, the Vedas. The smritis or "remembered" lore was finally written down in a remote past as the world's longest epic poems, the Mahabharata and the Ramayana. Puranas are literally "ancient" allegories; tantras literally mean "rites" or "rituals"; these treatises convey profound truths under a veil of detailed symbolism. 

Kommentare

Die wohl passendste Kurzbeschreibung für "Tales" habe ich mal in einem Interview mit (IIRC) Rick Wakeman gelesen: "A lot of ideas, but no energy." Das trifft's auch aus meiner Sicht. Musikalisch mittelmäßige Ideen werden mitunter bis zum Gehtnichtmehr ausgewalzt, statt die Komposition einfach weiter fließen zu lassen. Und "jenseits der Kante", was sie vorher so bravourös fabrizierten, finden sich Yes auf "Tales" meiner Meinung nach nie. Das is ja alles ganz nett und dudelt gefällig vor sich hin, aber fesseln kann es mich nach wie vor nicht.

Schöner Artikel übrigens!!! :)

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