14.09.2005

Aber Nu!

Schubladen sind hilfreich

Schubladen sind hilfreich, physikalische ebenso wie ideell-sprachliche. Beide organisieren Dingse und helfen beim Sprechen und Schreiben über Dingse. Nicht-physikalische Schubladen haben obendrein den Vorteil, dass Dingse gleich in mehrere gleichzeitig gepackt werden können, was für physikalische Dingse und Schubladen in unserem Universum schwierig ist. Deshalb mag ich das typische "Schubladen sind doof!"-Geschrei nicht hören. Im Gegenteil, ich möchte hiermit das Zimmern und Einpassen einer weiteren Schublade vorschlagen.

In letzter Zeit tauchen immer mehr Alben auf, die unverkennbar prognah oder In-der-Tat-Prog (je nach Standpunkt) sind, sich aber nicht mehr zureichend mit bekannten Stilbeschreibungen erfassen lassen, alterhergebrachten ebenso wie neuen wie die Eclipsed-Schöpfung "New Artrock". Darunter fallen etwa das aktuelle Album von Echolyn (vgl. die aktuelle Diskussion dazu auf den Babyblauen Seiten), Mars Volta, After Cryings "Show" oder manches von "Isildurs Bane". Bei diesen Platten zeichnet sich eben der musikalische Trend ab, Progmittel und -techniken mit musikalischen Grundmaterialien zu verbinden, die nicht durch bisher verwendete Begriffe abgedeckt sind. Und jeder Trend, der den Namen verdient, braucht ein Schlagwort.

"NeoProg" wäre ein schönes solches. Nur kamen vor mehr als zwanzig Jahren schon andere auf diese Idee, als eine Reihe von Gruppen sich der Wiederbelebung des Prog mit - damals - modernen Mitteln annahmen; "NeoProg" ist also historisch und inzwischen auch musikalisch besetzt und fällt flach. Wie könnte man das Kind also taufen?

(Nebenbemerkung: eine Taufe ist nicht nur ein Akt, bei dem ein Name vergeben wird, sondern bei dem auch etwas in eine Gemeinschaft aufgenommen wird. Es geht hier also nicht um sprachliche Korinthenkackerei, sondern um formell-symbolische Anerkennung. Und ebenso wie es sich bei den meisten Taufen um einen Zwangsakt handelt, soll es uns nicht weiter stören, wenn solchermaßen im übertragenden Sinne zu taufende Bands sich selbst nicht als Prog ansehen. Die Taufe eines wehrlosen Neugeborenen dient zur Selbstbestätigung und Beruhigung der Gemeinde angesichts des bedrohlichen Neuen, nicht der des Kindes.)

Erste Ideen, als Alternativen gedacht (die orthographisch bedenkliche Schreibweise mit Binnenmajuskeln ist natürlich nicht zwingend notwendig; ich finde sie nur hübscher als Bindestriche oder Zusammenschreibung ohne Kapitalisierung, gleichzeitig macht sie den Kunstcharakter der Worte deutlich):

  • NuProg
  • ModernProg
  • ...

Weitere Vorschläge?

Kommentare

ich wäre ja in bezug auf Rockprog eher für das griffigere Prock, das wurde meines wissens noch nicht verbraten, obwohl es ja eigentlich fast schon zu naheliegend ist ;)

ExProg (extended Prog, wäre aber mißverständlich)
oder
AdProg (Advanced Prog, klingt ein bisschen wie Artrock...)

Irgendwas, was die Erweiterung ausdrückt halt. Du kannst besser englisch.

Ich würde ja noch IZZ, Taal und - nach jüngsten Erfahrungen - Nemo in die Liste mitaufnehmen. Was es allerdings auch nicht leichter macht, ob diese Gruppen tatsächlich einen gemeinsamen Nenner haben, ausser dem, dass sie nicht mehr in die bestehenden Schubladen passen...

Mir gefällt ja "ModernProg" recht gut und ohne zu wissen, dass Udo dies vorgeschlagen hat, hab' ich es heute schon in einer Rezi verwendet ;-)

ThomK

Wie wäre es denn mit Schulis legendärem "New NeoProg"? ;)

Ob man Echolyn, The Mars Volta, After Cryings und Isildurs Bane auf einen kleineren gemeinsamen (Be)Nenner als "Prog" bekommt wage ich zu bezweifeln, aber bei Echolyn - speziell auch in Anbetracht der Live-Darbietung - denke ich immer an den Begriff "Rockprog".

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