3. Freakparade, Theater Bockshorn, Würzburg, 01.-02.11.2008
Ich bin immer noch einen Eintrag zur letzten FreakParade schuldig, fürchte ich. Jetzt gibt's schon mal meinen Konzertbericht für's Eclipsed (im Eclipsed sind Konzertberichte im Präsens verfasst. Liest sich seltsam, sorry:
Im Gegensatz - leider - zu vielen weiteren Veranstaltungen der Initiative Freakshow ist am ersten Tag 3. Freakparade das Würzburger Bockshorn Theater mit etwa 250 Zuhörern ordentlich gefüllt, wenn auch das in Zusammenarbeit mit der Mailingliste [progrock-dt] organisierte Festival lange nicht ausverkauft ist. Angesichts - vor allem finanziell - leidvoller Erfahrungen in den letzten Jahren ist die Besucherzahl anscheinend selbst für die Veranstalter unerwartet hoch: Bereits kurz nach 20 Uhr geht das Bier aus. Für Nachschub ist aber schnell gesorgt, und niemand muss zu lange dursten. Der vergleichsweise gute Besuch dürfte vor allem an einem der seltenen Deutschland-Konzerte der französischen Kultband Magma liegen, aber schon am Samstagnachmittag gibt es hervorragende Musik von weniger bekannten Gruppen.
Den Anfang macht die junge deutsche Jazzcombo Art Zentral, deren teilweise komplex durchkomponierte, teilweise freie Musik besonders durch den gleichermaßen ungewöhnlichen wie hervorragenden Gesang von Peggy Herzog aus der Masse der Jazzbands heraussticht. Das Publikum ist jedenfalls begeistert und fordert mehrere Zugaben. Das nächste Highlight folgt auf dem Fuß: Die belgische Kammerrock-Formation Aranis überzeugt unter der Leitung ihres Kontrabassisten Joris Vanvickenroye mit intensiver "moderner Klassik, die rockt" (trotz des Verzichts auf Schlaginstrumente) und lässt so Erinnerungen an den Auftritt von Univers Zero vor vier Jahren an gleicher Stelle wach werden. Gegenüber Art Zentral und Aranis fallen die darauf folgenden Thieves' Kitchen leider etwas ab: Man merkt der Band deutlich mangelnde Live-Erfahrung an, und auch das ungelenke Schlagzeug-Spiel - ausgerechnet des Bandgründers Mark Robotham - trägt dazu bei, dass ihr Mix aus komplexem RetroProg und Jazzrock nicht zündet. Aber dies ist schnell vergessen: Den krönenden Abschluss des ersten Tages bieten anschließend Magma bei ihrem vierten Gastspiel in Würzburg (diesmal aber in teilweise neuer Besetzung). Magma eröffnen ihr Konzert mit einer ungewohnt massiven, fast rockigen Version ihres Klassikers Köhntarkösz, anschließend zelebrieren sie fast eine Stunde lang das mitreißende, hypnotische Emëhntëht-Rê, eine eigentlich ältere Komposition, die Bandleader Christian Vander in den letzten Monaten durch neu hinzugekommene Teile immer weiter ausgebaut hat, so dass selbst die eigens angereisten altgedienten Fans der Gruppe einiges neues Material zu hören bekommen. Das Publikum feiert die französische Gruppe jedenfalls.
Das Sonntagsprogramm - vor etwas weniger Publikum, da die meisten Magma-Fans wohl nur für den Samstag vor Ort waren - eröffnet One Shot, eine französische Fusion-Band, die zu drei Vierteln aus aktuellen und ehemaligen Magma-Mitgliedern besteht und rockigen, elektrifizierten Jazz spielt, der den Einfluss der Muttergruppe erahnen lässt, aber deren Sound nicht kopiert, sondern nur ins Jazz-Umfeld transformiert. Danach entern - nicht nur redensartlich: schließlich ist ihr Gitarrist ein Pirat - Sebkha-Chott aus Frankreich die Bühne, eine französische Band, deren Konzerte man sehr unzureichend "dadaistisches Musiktheater" nennen könnte: Bizarre Verkleidungen, viel absurde Aktion auf der Bühne und ein aberwitziger musikalischer Mix aus Metal, Funk und Folklore. Dieses Jahr springt aber im Gegensatz zu ihrem unvergesslichen Auftritt beim Freakshow-Festival 2007 der Funke nicht recht über, vor allem bedingt durch den leider miserablen Sound, aber auch durch das ungünstige Umfeld: Sebkha-Chott und ein bestuhlter Saal passen nicht zusammen. Besser, wenn auch noch nicht optimal, ist der Sound anschließend bei den Kanadiern Unexpect, die in üppiger Besetzung (neben Gesang, zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug auch Violine und Keyboard) einen herausragenden Auftritt abliefern: Mit erstaunlicher Präzision und Routine zaubert die junge Band einen technisch überaus anspruchsvollen Mix aus Black Metal, Avantgarde, Technical Metal und Gothic hervor und vergisst dabei auch die Bühnenshow nicht. Beeindruckend, und zweifellos ein weiteres Festival-Highlight - auch wenn im Vergleich zu Unexpects letztem Studio-Album "In A Flesh Aquarium" manche musikalische Verrücktheit und auch viele Arrangement-Subtilitäten im heftigen Live-Gewitter untergehen.
Sieben Band an zwei Tagen, und darunter keine zwei Gruppen, die gleich klingen, ja nur im gleichen Genre zuhause sind: Einen solchen geballten Stilmix jenseits des Mainstreams findet man nicht oft vor. Freakshow-Veranstaltungen sind immer wieder eine Reise nach Würzburg wert.
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Kommentare
Hey, ich hab One-Shot auch schon mal live gesehen. Gefällt mir persönlich besser als noch seinerzeit Magma. :) Ich hoffe, dein Blog ist nicht eingeschlafen? LG, Christoph
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