15.08.2006

200 Motels

Nachdem hier bereits "Run Home Slow" und "The World's Greatest Sinner" aus der Sicht des Zappa-Fans beschrieben wurden, ist es wohl angebracht, auch ein paar Worte zu Zappas erstem eigenen Film zu verlieren. "200 Motels" kann mit Fug und Recht bizarr genannt werden, eine überdrehte Mischung aus deliriösem Wachtraum, Docutainment und Musikfilm. Einen eigentlichen, durchgängigen Plot gibt es nicht, wenn auch eine übergeordnete Thematik: Das Tourleben treibt Rockmusiker in den Wahnsinn. Dies wird u.a. illustriert mit Hilfe des jüdischen österreichischen Sängers Theodore Bikel als mephistophelischer Conferencier, Ringo Starr als "Larry The Dwarf", der als Frank Zappa verkleidet ist, und Keith Moon als Groupie in Nonnengestalt.

Viel mehr muss man eigentlich nicht wissen. Der Film wurde in einem Londoner Studio auf Video in nur sieben Tagen produziert. Ein zu kleines Budget und dementsprechend arge Zeitnöte zwangen bereits während des Drehs zu ständigen Anpassungen und teilweise tiefgreifenden Änderungen des Skripts. Was an kohärenter Geschichte bis dato vorhanden gewesen sein mag, wurde dadurch wahrscheinlich endgültig zu einer surrealen Nummern-Revue, in der sich Szenen, die Zappa direkt dem Tourleben entnahm und seinen Musikern quasi vom Mund abschrieb, mit musikalischen Interludien, einer Zeichentrick-Sequenz und Ballettabschnitten mischen.

Der Film spielt dabei sich seiner selbst bewusst immer wieder mit den Grenzen zwischen Fiktion un Wirklichkeit: Starr als Zappa-Verschnitt berichtet, wie er von Zappa dazu gezwungen wurde, so aufzutreten, in einem fiktiven Motel-Zimmer diskutiert Zappas Band darüber, wie sie ständig in Zappas Schatten stehen und Zappa ihnen ihre Ideen stiehlt und in seine Platten einbaut, etwa über Aufnahmen mit einem versteckten Kassetten-Rekorder, und sie sich das nicht länger bieten wollen, während natürlich Larry The Dwarf notdüftig mit Trenchcoat und Hut verkleidet mit einem Kassettenrekorder genau diese Diskussion aufnimmt - und vor allem in einem doppelten Ironie-Salto Mothers-Bassist Jeff Simmons beim Proben dieser Szene für den Film bemerkte, dass wortwörtlich seine eigenen Aussagen von einer vorhergehenden Tour benutzt wurden und er daraufhin Band und Film verließ. Was natürlich zu kurzfristigen Umbesetzungen und damit weiterem Produktionschaos führte.

Das ganze spielt in einem fiktiven Ort namens "Centerville", der mehr oder weniger komplett im Studio mit billigen Kulissen aufgebaut wurde. Auch die Musik wurde in den Studiobauten live während des Filmens aufgenommen, inklusive des großen Symphonie-Orchesters, dessen Studioecke in KZ-Manier ausstaffiert ist. Die Musik changiert dabei wild zwischen Zappas damaligen, teilweise fast hardrockigen Bandnummern, die vor allem auf den doppelten Gesang der beiden Ex-Turtles Flo & Eddie setzen, und sehr schrägen, neuklassischen Orchesterstücken, oft mit Chorbegleitung.

Darum herum tanzt ein Industriestaubsauger, der beim Stück "Penis Dimension" aus seinem langen Rüssel ein Stück weissen Tüll auf den Monolithen aus "2001 - A Space Odyssey" spuckt... (Der tatsächliche Monolith aus dem Kubrick-Werk, übrigens, das nämlich im gleichen Studio nicht allzulange zu vor abgedreht worden war, und der Monolith war noch vor Ort). Die Bilder werden ständig durch wabernde Videoeffekte, Überblendungen, Farbverfremdungen und alles, was die damalige Technik hergab, bearbeitet - sicherlich in diesem Sinne eine Pionierleistung, aber der Geduld der Zuschauers nicht in allen Fällen zuträglich.

Highlight des Films ist meines Erachtens die etwa mittig platzierte Zeichentrick-Sequenz "Dental Hygiene Dilemma", in der in einer Mischung aus Underground-Comic-Stil und LSD-Rausch ein Zeichentrick-Jeff-Simmons über seinen Fernseher von Hippie-Ikone Donovan erleuchtet wird. Dabei mutiert der reine, im übrigen in dieser Stilistik durchaus gut gemachte Zeichentrick schließlich in Collagen und verfremdete Photos.

Dies erinnert an vergleichbare Sequenzen in "Monty Python's Flying Circus", und vielleicht gilt sowieso, dass harte Fans der Pythons mit den 96 Minuten "200 Motels" und seinem absurden Aberwitz, der auf Logik, Erzählstruktur und "guten Geschmack" keinerlei Rücksicht nimmt, die wenigsten Probleme haben dürften. Ein Erlebnis sind sie aber auf jeden Fall, natürlich vor allem für Zappa-Fans, aber nicht nur.

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