006 - Lizenz zum Tönen
Nachdem 2006 inzwischen gänzlich hinter uns liegt, wage ich einen kurzen musikalischen Blick zurück. Wieder gab es viele gute Veröffentlichungen, sogar einige sehr gute, aber wie schon 2005 war für mich auch dieses Jahr kein herausragendes Hammeralbum dabei, das 2006 unvergesslich machen würde.
Bemerkenswerte veröffentlichungen kamen unter anderem von Unexpect mit "In A Flesh Aquarium" und Sebkha-Chott mit "Nagah-Mahdi - Opuscrits En Quarante-Huit Rouleaux", die es jeweils verstanden, musikalischen und instrumentalen Anspruch mit viel Spass-inne-Backen und verblüffenden Momenten zu verbinden, die einen Erinnerungen an das Sleepytime Gorille Museum weckend, die anderen eher in Nachfolge des Meisters Frank Zappa.
Weiterhin sehr überzeugen konnten die Altmeister von Univers Zero mit ihrem erstaunlich "rockigen" Live-Album, das - wie schon ihr Live-Auftritt andeutete - das gleiche Material wesentlich mitreißender präsentiert als die vorangehende Studio-CD.
Im Kontrast zu den altgedienten Recken Univers Zero bringen die Italiener Yugen mit ihrem Debütalbum "Labirinto d'acqua" mit ebenfalls komplexen Kompositionen und einem gleichermaßen intimen wie noblen Sound frischen Wind in die AvantProg-/RIO-Szene.
A propos frischer Wind: Der Preis für das musikalisch verrückeste Album 2006 gebührt wohl Ex-Frogg-Café-Gitarrist Frank Camiola mit seinem neuen Projekt "cardboard amandA" und der gleichnamigen Veröffentlichung. Diese habe ich aber erst seit kurzem und bin mir noch nicht ganz sicher, ob es sich dabei von Genie, Wahnsinn oder beides handelt. Deshalb diese Erwähnung quasi außer Konkurrenz.
Besonders hervorheben möchte ich für dieses Jahr noch meine Entdeckung der Franzosen Glen or Glenda bei ihrem Auftritt im Kafé Kult, die vor allem deshalb erfreulich war, weil sie so aus dem Nichts kam und in mir die Hoffnung bestärkte, dass es irgendwo da draußen immer noch mehr Bands gibt, die hervorragende Musik machen und nur darauf warten, gehört zu werden.
Dass "Glen or Glenda" dieses Jahr nicht nur zufällig dort in Deutschland zu Gast waren, wo ich sie hören konnte, sondern mit "La Contrebande des Mouches" auch noch ein exzellentes Neo-Zeuhl-Album veröffentlicht haben, qualifiziert sie doppelt für eine Erwähnung im Jahresrückblick.
Als ich aber auf das Jahr 2006 zurück schaute und mich fragte, welches Album mir vielleicht die meiste Freude bereitet hatte, wurde ich selbst von der Antwort überrascht. Tatsächlich war dies wohl eine der unzähligen Soft-Machine-Archivveröffentlichungen, die mir in den letzten Jahren in ihrer nicht nachlassenden Regelmäßigkeit schon fast auf die Nerven gingen: "Floating World Live".
Nur dass es sich hierbei eben um eine Live-Aufnahme nicht der klassischen Soft Machine handelt, sondern der späteren jazzrockigen Besetzung mit Allan Holdsworth an der Gitarre, die live die Spielfreude und das Feuer versprüht, das die eher faden späten Soft-Machine-Studio-Alben schmerzlich vermissen lassen.
Und wegen dieser positiven Überraschung und der Tatsache, dass das Album zusammen mit der kurz vorher erschienenen, aber kurz danach aufgenommenen "British Tour '75", die ich auch dieses Jahr bekommen habe, mir die späten Soft Machine erst wirklich nahe gebracht hat, bleibt es wohl mein persönlicher Favorit 2006.
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